Jazz Workshops – ein unausweichlicher Fortsetzungsbericht

Jazz Workshops – ein unausweichlicher Fortsetzungsbericht

Wenn man bereits Blut geleckt hat, Workshop-Blut sozusagen, ist das Anfangsstadium des Ektoparasiten (Jazzer mit vampiristischer Neigung) bereits eingeläutet. Mein Fall ist allerdings deutlich höher aufgehängt, liegt doch meine Frequenz in Sachen Kursteilnahmen bereits im gefährlichen Suchtmittelbereich. Dabei begann alles ganz harmlos und war eher aus der Not geboren (siehe Jazz Podium, Heft 5/2017). Mittlerweile ist aus der Not eine Leidenschaft geworden mit eben erwähntem Suchtpotential, das aber immer wieder aufs Neue zu ergänzenden und weiterführenden Erkenntnissen samt entsprechenden Impulsen führt. Dies nicht nur durch wiederholtes Besuchen bereits geschätzter Workshops, sondern durch Teilnahmen mir noch fremder Angebote. So führte mich meine Workshop-Odyssee in den letzten Monaten an weiteren Inselchen im Jazz-Ozean vorbei mit Landung hier und dort. Noch scheint die Fahrt kein Ende nehmen zu wollen und, um im homerischen Duktus zu bleiben, Ithaka (gesuchte Jazz-Heimat) noch nicht (wieder-)gefunden. So müssen also weitere Stationen folgen die da lauten: Aachen, Erlangen, Freinsheim, Mannheim, Saarwellingen, Salzgitter. Ganz frisch dann noch Coesfeld, Heek und schließlich Burghausen. Aus 2018 kommen noch dazu Einschlingen und Neunkirchen-Seelscheid. Hossa!

Von Friedrich Wodarczack – To whom it may concern!

Da bewegen wir uns zuerst ins Dreiländereck, Deutschland, Belgien, Holland und reisen in die alte Kaiserstadt Aachen. Es sind bereits Herbsttage unterwegs, die einen in die Musikfabrik (MUFAB) leiten. Eher im Gewerbegebiet der Stadt gelegen – das Zentrum ist dennoch fußläufig erreichbar – gerät man in eine ambitionierte Schar von rund fünfzig Jazzbegeisterten, die unter Anleitung diverser Dozenten in verschiedenen Combos betreut werden. Die Stückeauswahl beschränkt sich nicht nur auf Jazz, reicht durchaus auch in die Popmusik hinein, wenn es gewünscht wird, da sind die Dozenten flexibel. Übrigens, auch hier ist wieder sehr engagiertes und qualifiziertes Personal unterwegs. Mit dem Essen ist’s dann so eine Sache. Eine tägliche Sammelbestellung fördert heute Pizza mit Paprika, morgen das Umgekehrte zu Tage, wobei ein Speiseraum in diesem Sinne von mir nicht ausgemacht werden konnte – ein Manko. Die Alternative ist die nahegelegene Carolus- Therme mit Restaurant, in dem es sich gut speisen lässt, wenn auch nicht ganz preiswert. Die einzige Session fand im schönen Ambiente des Seiten-Pavillons der Kurterrassen statt, in der auch das Abschlusskonzert dann nebenan auf großer Bühne stattfand. Interessant zu erwähnen und nicht üblich war die Besprechung, die eine Woche vorher an besagter Stelle stattfand, in der bereits die verschiedenen Instrumentalisten von ihren Dozenten „gecheckt“ wurden, was die spätere Einsortierung in die verschiedenen Bands erleichterte, aber zumindest Zeit beim eigentlichen Workshop einsparte. In Anbetracht, dass keine Theorieeinheiten angeboten wurden, reichten die drei Tage aus, wenngleich der Autor aus einigen Gründen diese Pauschale als untere Grenze wahrnimmt. Hier muss dazu gesagt werden, dass man für die Unterkunft samt Verpflegung selbst sorgen muss. Ansonsten alles in allem ein ansprechender Workshop mit leicht strukturellem Verbesserungspotenzial.

Burghausen, die alte Herzogsstadt im oberbayerischen Landkreis Altötting, liegt unmittelbar an der Grenze zu Österreich. Man muss bloß durch die Salzach waten und schon sitzt man bei den Nachbarn im Garten. Wir wollen aber nicht in der Blumenwiese faulenzen, sondern an Deutschlands wohl ältestem Jazz-Workshop teilnehmen. Die Stätte: Das Mautnerschloss, ein kleiner, feiner Renaissance-Bau der Adelsfamilie der Mautner zu Burghausen aus dem 16. Jahrhundert, der neben der einstigen Nutzung als kurfürstliches Mautamtshaus (Überwachung des Salzhandels) heute neben der Volkshochschule dem Jazzverein Burghausen zur Verfügung steht. Hier regiert seit (fast) Menschengedenken Joe Viera, ein Urgestein des deutschen Jazz, und Gottvater der alljährlich stattfindenden ‘Internationalen Jazzwoche Burghausen‘. Er hat den Hut auf und das seit über vierzig Jahren! Der Kurs, der quasi in der ersten Augusthälfte stattfindet, ist zweigeteilt, soll heißen, es gibt zwei einwöchige Kurse, die gleich hintereinander geschaltet dem Mutigen es ermöglichen sich 14 Tage am Stück an Combo und Bigband auszuprobieren. Da ich eher zu den Feiglingen gehöre, hatte ich vorsichtshalber nur die erste Woche gebucht. Aber zur Sache jetzt. Der Workshop ist für alle Levels offen, Grundkenntnisse auf dem Instrument aber vorausgesetzt. Musiker aller Stilrichtungen sind willkommen, heißt es im Handout. Gemeint sind sicherlich die unterschiedlichen Jazz-Stile, andernfalls könnte es gefährlich werden. Im Angebot quasi die ganze Palette was Theorie und Praxis anbetrifft. Rhythmik, Harmonik, Improvisation, Arrangement und Repertoire, alles von professionellen Dozenten abgedeckt. Im Mittelpunkt steht natürlich das Spiel in der Combo, davon es gleich zwei gibt, in denen man mitspielt, ungehindert einer Bigband-Teilnahme. Da kann man schon mal ganz schön ins Schwitzen geraten, wenn man fleißig bei der Sache bleibt. Apropos Schwitzen: Der von mir besuchte erste Kurs Anfang August hatte es temperaturmäßig in sich, sprich, Lorenz knallte ordentlich vom Himmel. Entsprechend wurde mit viel Flüssigem ausgeglichen, zum Abend hin dann eher prozentual aufgewertet. Neben einem kleinen Dozentenkonzert am zweiten Abend fanden allabendliche Sessions im hauseigenen Jazzkeller statt. Die angeschlossene kleine Bewirtungseinheit bietet dazu ausreichend Getränke und kleine Snacks an, das alles bei moderaten Preisen. Überhaupt muss das Mautnerschloss, eher ein Schlösschen mit Tendenz zum Patrizierhaus in der attraktiven Altstadt, besonders erwähnt werden. Denn der schöne Bau bietet dem Kurs eine hervorragende Örtlichkeit samt guter Ausstattung. Am Eingang zur kleinen Fußgängerzone gelegen erschließen sich von hier aus in kurzen Wegen verschiedene Gastronomieangebote, die bei moderaten Preisen den Aufenthalt angenehm halten. Auch Unterkünfte im soliden Preissegement warten auf die Besucher, allen voran das „Haus der Begegnung“ gleich um die Ecke gelegen. Ein Nacht-Flohmarkt in diesem Bereich sowie ein Rhythm & Blues-Konzert auf einem kleinen Platz unweit des Schlösschens während der ersten Woche trugen weiter zur Ausgeglichenheit bei. Im Sommer finden allerdings an dieser Stelle unter dem Motto „Jazz am Bichl“ regelmäßig Donnerstags-Konzerte statt. Eine schöne Abwechslung für den ternär-geprägten Musiker. Schön war zu erleben, dass der Altmeister Joe Viera (er wird immerhin im September 85!/2017) nicht nur über die Woche seine morgendlichen Theorieeinheiten praktizierte, sondern gelegentlich auch bei der Jam-Session entweder mit dem Tenorsaxofon oder am Gesangsmikrofon ins Geschehen eingriff. Ansonsten saß er mit viel Ausdauer auch schon mal im angrenzenden Gastro-Bereich, schaute mit Verbündeten Aufzeichnungen von vergangenen Burghausener Jazzkonzerten an, oder verfolgte am Flat-Screen live die abendlichen Sessions und das Abschlusskonzert. Da zieht man sicherlich den Hut, weiß man doch um die Betagtheit des Mannes und somit auch, dass der Jazz und seine Praktizierung offensichtlich jung halten. Überhaupt war gut zu beobachten, dass immer wieder Dozenten an den Sessions teilnahmen, was Spielfreude und Spielideen der Teilnehmer durchaus befördern hilft. Ein Wort noch zu dem von mir gespielten Instrument: Da bekanntermaßen auf Jazz-Workshops die Saxofone schwarmartig einfallen, sind auch gleich zwei Saxofonlehrer vor Ort, einer davon der Altmeister daselbst, wobei das vorrangige Einteilungsmerkmal die unterschiedliche Stimmlage der Saxofone ist, hier, Altsaxofon und Tenorsaxofon. Allerdings entscheidet auch das Level des Teilnehmers über die Zuordnung in eine der beiden Klassen. Hier ist auch frühes Anmelden angesagt, um nicht auf der Warteliste zu landen, oder gar nicht erst draufzukommen. Alles in allem ein agiler Workshop mit vielen Wiederholungstätern über die vielen Jahre, was für den Erstbesucher eine kleine Hürde sein kann, die aber von Tag zu Tag leichter genommen wird. Eine gelöste Atmosphäre über die gesamte Woche mit vielen spielfreudigen Amateuren, ein schönes Ambiente und hochversierte Dozenten, die für die Erhaltung der Spielfreude genauso garantieren wie für weitere, neue Impulse in Sachen Weiterkommen. Apropos: Man verpasse auf keinen Fall den Besuch der „weltlängsten Burg“ mit ihren 1051 Metern, verbunden mit einem feinem Blick auf die historische Altstadt und ihrem geschlossenen Ensemble aus mittelalterlichen Häusern. Dazu die hochgezogenen Fassaden mit Blendgiebeln und den dahinterliegenden stilvollen Grabendächern. Unbedingt sehenswert! Und wem es ob den sommerlichen Temperaturen zu heiß wird, kann unweit entfernt in den schön gelegenen Wöhrsee mit angeschlossener Badeanstalt springen, um abgekühlt dann wieder in aufregende Jazztiefen einzutauchen. Tipp: Badehose nicht vergessen!

Oh, Coesfeld, du kleines, aufgeräumtes Städtchen im westlichen Münsterland. Feld an einem Kuhbach, unweit des blutigen Teutoburger Waldes und den fruchtbaren Böden der Soester Börde. Der Workshop über stattliche sechs Tage findet unter dem Dach der örtlichen Kolping- Bildungsstätte statt. Ein gepflegtes Haus am Stadtrand gelegen mit direktem Anschluss in die freie Natur, die bei jazzverstopften Synapsen diese per erholsamem Pausengang wieder freipusten hilft. Ein Schulgelände gleich nebenan lädt zum kostenfreien (Dauer-)Parken ein. Die Vollverpflegung ist, wie nicht anders gewohnt in solchen Häusern, professionell und nicht zu bemängeln. Ein vegetarisches Mittagsangebot wird darüber hinaus manchen zusätzlich erfreuen. Solide Zimmerunterbringung sorgt für Wohlgefühl. Beliebt auch der ohne Macken vor sich hin zuckelnde Kaffeeautomat im Flurbereich, der ob seiner Zuverlässigkeit regen Umsatz verbuchen konnte. Die rund 50 Teilnehmer werden zuerst im Instrumentalunterricht „gecheckt“. Per Aushang kann man darauffolgend seine Combo finden und los geht’s! Wie auch in anderen Workshops bewährt, werden auch hier Theorieangebote offeriert. Das reicht von Rhythmik-Sessions und Harmonielehre bis hin zu Angeboten in Gehörbildung. Der Instrumentalunterricht (Anm.: Der Autor spielt Saxofon) wird dynamisch konfiguriert, sprich, es gibt keine wirklich feste Gruppe, sondern es wird durchmischt über die Tage hinweg, wobei auch der Instrumentallehrer wechseln kann, falls dieser doppelt besetzt wie in meinem Fall. Ein sehr interessanter Ansatz und vom Autor geschätzt. Echten Spaß macht es auch, wenn so „alte Hasen“ wie Ed Kröger (Posaune) oder Norbert Gottschalk (Gesang, Gitarre) auf abwechslungsreiche, gar humorvolle Art und Weise die doch manches Mal recht trockene Jazztheorie vermitteln. Es darf gelacht werden und in den Keller geht man allemal nur zum Jazzen. Ach ja, der kleine Jazzkeller im Haus, in dem an allen Abenden gejammt werden konnte. Die flüssige Nahrungszufuhr garantiert die eingebaute Theke samt Personal, hingegen das Klavier mangels Verstärkung nur mäßig den Sound der Combo unterstützte und manche Improvisationslinie nicht beklatscht werden konnte, schade und somit kleine Baustelle. Übrigens gibt es ein Bigband-Angebot, das der Autor gerne wahrgenommen hätte, leider aber wegen eines abgebrochenen Zahns weitergeben musste, auch wenn der Zahnarzt in Wurfweite für schnelle Hilfe und Linderung sorgte, mich alles dennoch des Abschlusskonzerts beraubte. Aber im kommenden Jahr wird erneut angegriffen! Alles in allem ein solider Workshop mit guter Atmosphäre, der auch ausreichend Erfahrung im Jazz-Tornister mit sich führt, fand er doch im Frühjahr zum 34. Male (2017) statt. Ihm wünscht man weiterhin noch viele, gute Jahre.

Einschlingen bei Bielefeld (die Stadt, die es angeblich gar nicht gibt). Bis Vierschlingen ist übrigens alles möglich! Die Namensgebung beruht auf historischen Zollstellen, also erhobenen Wegezöllen in dieser Gegend, um die nötigen Gelder für den Ausbau der Infrastruktur zu generieren. Wenn man Pech hatte, musste man auf seinem eingeschlagenen Wege gleich mehrere dieser Schlingen passieren und wurde dabei eine Stange Geld los, auch in den oftmals nah angesiedelten Wirtshäusern obendrein. Übrigens, ungeschröpft passierten Mist- und Leichenwagen. Der einwöchige Workshop ist ein in die Jahre gekommener und mit ihm auch seine Dozenten. Es sind aber auch gleichsam Koryphäen des deutschen Jazz wie etwa Uli Beckerhoff, Gunnar Plümer, Matthias Nadolny oder Michael Küttner. Das Haus, eine Bildungsstätte, liegt schön am Saum des Teutberges, heute Teutoburger Wald genannt. Es bietet über Mehrbettzimmer, Zweibett-Zimmer und wenigen Einzelzimmern nicht unbedingt allen etwa 60 Teilnehmern eine Unterkunft. Die großzügige Grünfläche hinter dem Haus ist eine günstige Alternative und lädt Workshopper auch zum Campen per Zelt oder Reisevan ein. Wer nicht mehr im Hause unterkommt, wird ins rund 5 km entfernte Waldhotel Quellental überführt. Achtung Transportproblem! Apropos: Ich war mit einem netten Kollegen dort untergebracht und wer Polanski-Filme mag ist hier absolut richtig! Das Haus, ein riesiger Kasten aus untergegangenen Zeiten, beherbergte während meines Aufenthaltes gerade mal fünf Gäste, die sich in dem weitläufigen und verwinkelten Gebäude nicht über den Weg laufen konnten. Und wenn doch, so hätte man sich wahrscheinlich zu Tode erschreckt, weil man eher an einen Geist als an einen Menschen aus Fleisch und Blut gedacht hätte. Es gab keine Zimmernummer 13 und die Nummer 5 war ständig ohne Schlüssel am Brett und ich vermutete einen dauerhaft Totgesagten in der Kammer. Morgens, beim Verlassen des Hotels, saß gelegentlich die Herrin des Hauses im Kanapee des Entrees mit hochgestecktem Haar und starker Schminke und bildete eine altersmäßig ausgewogene Einheit zwischen sich und dem betagten Gemäuer. Gruselig war’s dennoch und schnell passierten mein Kumpel und ich den Eingangsbereich und hechteten zum Fahrzeug und rüber zum Workshop. Bei der Comboeinteilung meldet man sich in der Sonne sitzend per Fingerzeig für eine oder andere und los geht’s. Der Level insgesamt ist ausgewogene Mitte und die Stücke nicht allzu schwer für einen guten Amateur. Sessions finden in den Räumen des Hauses statt und – Achtung – die Wiederholungstäter sind immer die Ersten am Pult. Wer im Haus schläft kann schon mal was von der Lautstärke abkriegen und ist beim morgendlichen Frühstück (sehr üppig!) gar nicht oder eher verstimmt anzutreffen. Zwischendurch dann frei wählbare Theorieeinheiten, die sich der Jazzrhythmik genauso widmen wie der (höheren) Harmonielehre. Im fußläufig entfernten Gartenlokal spielt an einem Abend auch die Dozentenband im angegliederten kleinen, feinen Saal vor ausverkauftem Haus. Die gute Verpflegung über den Tag und gelegentliche Spaziergänge in die schöne Umgebung machen den Workshop liebenswert, bis dann am letzten Tag das obligatorische Abschlusskonzert der Teilnehmer das Ende einläutet.

Nun also Erlangen, Stadt in Bayern, genauer Mittelfranken, „Ort der Vielfalt“ (Auszeichnung 2009). Und zur Vielfalt gehört auch dieser alteingesessene Workshop. In 2017 war es bereits der 37. seiner Art sein. Fast alles findet in den Räumen der örtlichen VHS statt, eine ehemalige Schule mit einigem Sanierungsaufwand, hingegen das kleine Café im Schulgebäude für Einiges entschädigt, z.B. für den in meinem Fall dauerhaft überheizten Proberaum, der mir letztendlich eine fiese Erkältung bescherte. Alles wurde wieder gut, da ich als „Fortgeschrittener“ galt und in der sogenannten Masterclass von Saxofonist Tony Lakatos Aufnahme fand. Übrigens gibt es hier einmal ein hochengagiertes Bigband-Angebot und das sogar in zwei Levels und das neben einem Harmonielehreblock, ebenfalls in zwei Levels, der es in sich hat und den Horizont stark erweitert. Der stramme siebentägige Workshop bietet einiges an Abwechslung. Mehrere Sessions finden im schönen Ambiente des ehemaligen E-Werks, heute die Kellerbühne des Kulturzentrums, statt. Das Abschlusskonzert dann im großen Saal der ‘Heinrich-Lades-Halle‘ etwas weiter entfernt aber mit professionellem Touch. Das Ganze dann noch gespickt mit interessanten Vorträgen etwa eines GEMA-Referenten oder einer passablen PowerPoint-Präsentation über orientalische Rhythmik und Skalen. Erlangen lohnt sich allemal durch ein hochkarätiges und stark engagiertes Dozententeam. Nicht zuletzt auch, weil zwei Big-Bands mit unterschiedlichen Levels angeboten werden. Angeführt von einem preis-dekorierten Leiter, der hoch einfühlsam die bunte Schar der Jazzvögel in höhere Wipfel zu geleiten weiß.

Freinsheim, ein rausgeputztes vor Historie strotzendes Städtchen im südlichen Rheinland-Pfalz, rund 30 km von Mannheim entfernt, nicht ganz billig insgesamt dafür aber mit viel Flair. Im April geht’s dort los und dank der geografisch exponierten Lage nahe der Deutschen Weinstraße rutscht man schnell in frühlingshafte Stimmungen hinein. Im „Von-Busch-Hof“, einer Art Dreiseithof liegt das Zentrum des Workshops, in dessen ehemaliger Zehntscheune nach vier Tagen auch das Abschlusskonzert unter wirklich guten Bedingungen, vergleichbar mit denen Ettlingens, stattfindet (siehe Jazz Podium, Heft 5/2017). Auch die Sessions finden im nebenliegenden Gebäudeteil downstairs im Gewölbekeller statt. Die Übungsräume müssen allerdings teilweise fußläufig erschlossen werden, was aber keinen größeren Aufwand darstellt. Das Dozententeam ist wieder hochmotiviert, ob Instrumentalunterricht oder Combo, immer fühlt man sich gut aufgehoben, pädagogisch 1a betreut und musikalisch motiviert. Kulinarisch ist die Region ebenfalls gesegnet und man kann sich über die Tage durch nette Lokale futtern, lässt allerdings auch ordentlich Taler dafür liegen. Apropos: Der Mittagstisch samt leckeren Kuchen und Torten im Restaurant am Rathaus macht süchtig. Unbedingt hingehen!

Heek liegt unweit von Coesfeld entfernt, hatte ich zuvor aber noch nie gehört. Der Tipp kam von einer lieben Workshopperin eigentlich zu spät. Nun stand ich auf ominöser Warteliste und – schaffte es hinein. Glück braucht der Mensch! Die Landesmusikakademie NRW lud ein zur Jazzakademie mit Sitz in Heek-Nienborg, einem rausgeputzten Dörfchen mit umliegenden Bauernschaften und schönem „castrum novum“. Das aktualisierte Konzept sah vor, Professoren (Masterclasses) von sieben Jazzabteilungen deutscher Hochschulen samt ihren Junior-Teacher einzuladen. Meine Befürchtung, den Anforderungen möglicherweise nicht gewachsen zu sein da Masterclasses, verflüchtigten sich schnell, denn von jung bis alt, von Beginners bis Advanced, war so ziemlich alles unterwegs. Die Leitung lag beim hochgeschätzten Altmeister des Jazz, Jiggs Wigham, ein unermüdlicher Streiter für dieses Genre und alles, was damit zusammenhängt. Die im schönen Flachbau untergebrachte Akademie bot natürlich allerbeste Voraussetzungen sowohl was Unterbringung in nahegelegen Gasthäusern anbetraf als auch die Vollverpflegung der in fußläufiger Entfernung gelegenen Kantine. Parkplätze in Hülle und Fülle, man hätte auch mit einem Bus anreisen können. Dass die Akademie insgesamt professionell ausgestattet ist bedarf eigentlich keiner Erwähnung. Beste Bedingungen also an fünf Tagen mit seinesgleichen unter Führung hochkarätiger Dozenten dem Jazz zu frönen. Die Morgen führten die gesamte Teilnehmerschar ins Plenum, in dem abwechselnd die Dozenten verschiedene Themen aufgriffen wie etwa den „Umgang mit Ängsten bei Auftritten“ oder die „Bedeutung des aktiven (Zu-)Hörens“ und ihrer enthaltenen Erlebnisqualität. Dies alles untersetzt mit individuell präferierten Musikbeispielen, die differenziert hörbar bzw. unterscheidbar machen sollten zwischen Musik, die schlichtweg „beeindruckt“ im besseren Fall jedoch „berührt“. Das bringt was und reizt zur tieferen musikalischen Selbsterfahrung auch über die Jazzmusik hinaus. Daran anschließend die Masterclass, die in meinem Fall zwar mit Deutschlands renommierten Saxofonisten Peter Weniger besetzt war, allerdings musste dieser dann auch sechzehn im Niveau unterschiedliche Saxofonisten händeln, was zugegebenermaßen gar nicht geht. Eine Baustelle, die im kommenden Jahr beseitigt sein sollte. Am Nachmittag dann die Combos, in denen teamorientiert sowohl die „Master“ als auch die „Junior-Teacher“ unterrichteten. Eine feine Sache, kann doch der angehende Profijazzer vom Lehrer in Sachen Unterrichten einiges abgucken, lernen, Erfahrungen sammeln. In meiner Combo kam es sogar zur Aufführung eines vom Studiosus arrangierten Stückes. Der Abwechslungsreichtum der Tage spiegelte sich in weiteren Angeboten wie etwa „Anleitungen zum Home-Recording“ oder „Umgang mit Loop-Recordern“ inklusive Mitmachaktion durch die Teilnehmer, was zu witzigen Ergebnissen führte. Übrigens wurden hierfür auch die sogenannten Junior-Teacher eingesetzt, was diesen sichtlich Freude bereitete. Schließlich gab es einen interessanten Vortrag speziell an die junge Jazzklientel gerichtet mit dem Schwerpunkt Berufskunde. Hier zeigten sich allerdings auch konträre Ansichten über das Leben als Jazzmusiker, was der Generationsproblematik geschuldet sein dürfte, sprich, Erfahrenheit versus Unerfahrenheit. Ungehindert dessen muss die Absicht junger Menschen, gepaart mit ihrer naiven Unerschrockenheit in dieses Genre professionell eintauchen zu wollen, gelobt, ja bewundert werden, wenngleich die Studie der Bundeskonferenz Jazz aus dem Jahre 2014 und der dadurch initiierten „Jazzstudie 2016, Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jazzmusiker/-innen in Deutschland“ den (angehenden) professionellen Jazzern insgesamt weniger attraktive Berufsaussichten verspricht. Hier aber wieder das Credo: „Only the brave find their way!“ An dieser Stelle sei eine bemerkenswerte Note vergeben, denn die Jazzakademie fördert bestehende Ensembles aus dem musikalischen Nachwuchs. Diese werden als Combos im Rahmen der Jazzakademie Heek gecoacht, herausragende Ensembles erhalten Auftrittsmöglichkeiten in NRW, die zu einer Verstetigung der Ensembles und perspektivischen Weiterentwicklung führen sollen. Da sollten sich junge Ensembles nicht entgehen lassen und schon jetzt für 2018 in den Startlöchern stehen! Die Überschneidung mancher Angebote sicherlich schade, tat dem Ganzen jedoch keinen Abbruch. Apropos Session: Die einstige Landesburg beherbergt im tiefen Gewölbekeller den für die Tage nötigen Jazzkeller mit allerdings beschränkter Akustik. Denn ein Kreuzgratgewölbe war für Bänkelsänger wohlmöglich noch ein denkbarer Aufführungsort, um singend von Mord und Totschlag zu berichten, ist aber im 21. Jahrhundert und den heutigen Equipments ein Schuss, der nach hinten losgeht. Hier sollte der Veranstalter eine andere Lösung anbieten. Nun trieb der unerwartet warme Frühling jedoch den allergrößten Teil der Menge allabendlich nicht nach unten ins tiefe Gemäuer, sondern nach oben an die frische Luft, in der am langen Tisch die eine oder andere (Jazz-)Anekdote ihr lauthalses Gelächter bis weit in die Nacht verhallen ließ, während vornehmlich junge Puristen unbeirrt den schweren Kadenzen folgten und erst das Jammen aufhörten als sich bereits der Morgentau ankündigte. Übrigens auch eine schöne Idee ist die professionelle Unterstützung, neudeutsch „Supervison“, der Sessionteilnehmer; der Dozent kann für eine anschließende Auswertung inklusive Tipps in Anspruch genommen werden. Das sollte man sich nicht entgehen lassen! Neben dem obligatorischen und souveränen Dozentenkonzert gab es am letzten Abend das Junior-Teacher-Konzert in nacheifernder Qualität ihrer Mentoren, gefolgt vom Abschlusskonzert der Teilnehmer am darauffolgenden Sonntagvormittag. Vor gut gefülltem Saal konnten die Bands allesamt überzeugen, wenngleich lediglich (mit kleinen Ausnahmen) nur ein Stück gespielt werden durfte, dem strengen Timekeeper geschuldet. Schade! Über das Vorspielen der Bands hinaus wurde eifrig in alle Richtungen gelobt, wobei der künstlerische Leiter, Jiggs Wigham, gerechterweise davon am meisten abbekam. Er wird allerdings die künstlerische Leitung in 2018 an einen Nachfolger abgeben und in ein wichtiges Gremium der Landesmusikakademie überwechseln, wo seine Jazzerfahrung sicherlich weitere schöne Blüten treiben wird. Good luck, Mister Wigham! Schön auch, dass an selber Stelle von der Leiterin der Akademie das gecoachte Youngster-Ensemble ausgezeichnet wurde, verbunden mit nachfolgender Unterstützung durch die Landesmusikakademie NRW. Mit überschaubaren rund fünfzig Teilnehmern ist die Jazzakademie Heek ein empfehlenswerter Workshop für (fast) alle Altersgruppen, auf jeden Fall auch für die junge Garde von Amateuren und angehende Jazzprofis, da hier tatkräftige Unterstützung aufwartet. Für 2018 bzw. 2019 werden voraussichtlich zwei unterschiedliche Konzepte verfolgt werden, über die man sich bei Interesse beizeiten auf der entsprechenden Internetseite informieren sollte.

Im schönen Neobarockgebäude, zu untergegangenen Zeiten die Produktenbörse des Wirtschafts- zentrums Baden, hat heute die städtische Musikschule Mannheim ihren Platz. Es ist Winter, kurz vor Jahresende und die Wärme im Gebäude und direkt daneben das während den Spielpausen gerne aufgesuchte Café Prag, atmosphärisch, aber mit eigensinnigem Betreiber, allerdings sehr guten Kaffees, hilft über die dunkle Jahreszeit hinweg. Drei Tage teils unter Tage, denn einige Proberäume liegen merkwürdigerweise fast jenseits der Grundwasserlinie, meint man, obwohl das große Gebäude auf den verschiedenen Ebenen sicherlich bessere Räumlichkeiten anzubieten hat. Dennoch, die im ehemaligen Börsensaal proben können, haben das bessere Los gezogen. Sei’s drum. Das Dozententeam wiederrum durch die Bank professionell und kaum anders zu erwarten. Instrumentalklasse ja, aber keine wirklichen Theorieangebote, was für die knappen drei Tage vielleicht auch weniger Sinn macht. Morgens zu Beginn ein sogenanntes Warm up mit rhythmischen und vokalen Übungen. Am zweiten Tag ein kleines Dozentenkonzert in der Gaststätte der ‘Alten Feuerwache‘, urige Kneipe im Zentrum gelegen und voll bis unter die Decke mit jazzigen Devotionalien, mit anschließender Jam-Session bis weit in die Nacht. Das Abschlusskonzert dann im stilvollen, wenn auch altmodischen, dabei gut besuchten Börsensaal beendet diesen kurzen Workshop, der dennoch in dieser Jahreszeit gelegen, besser in diesem Wintermonat, dazu kurz vor dem Jahreswechsel einen schönen Schub und guten Rutsch in den wohlmöglich nächsten Workshop im neuen Jahr verpassen hilft.

Neunkirchen-Seelscheid, langer Name, kleiner Ort im Bergischen Land von NRW. Hat übrigens nix mit den Bergen zu tun, sondern rührt Herr vom Adelsgeschlecht von Berg, einstige Grafen und Herzöge dieser Region. Ein junger Workshop, der von einer hochmotivierten und sehr engagierten Organisatorin aus der Taufe gehoben wurde und sich zusehends fest etabliert, schaut man auf die stetig gewachsene und stabile Zahl an Teilnehmern. Die Dozentenschar ist wie so oft erste Garnitur, sei es ein Prof. Frank Haunschild, ein Thomas Rückert oder John Goldsby und die anderen Potentaten. Eröffnet wird mit dem Dozentenkonzert in der alten Aula gleich neben dem moderneren Hautgebäude. Ein motivierender Einstieg in die nächsten drei Tage. Die erste Instrumentalklasse dient nach kleinem Vorspiel für die Einteilung in die Combos. Sehr angenehm, dass die Combogröße dabei auf sieben Leute beschränkt bleibt, bei sieben Dozenten sind demnach rund 50 Teilnehmer am Start. Gleichsam angenehm somit auch der Instrumentalunterricht in überschaubarer Größe, sodass man vermehrt zum Spielen kommt. Die Dozenten sind oftmals auch als Musiklehrer oder Dozenten an Hochschulen unterwegs, sodass auch pädagogisch die Vermittlung untersetzt ist. Kommt man in eine der fortschrittlicheren Bands, spielt man wie mir geschehen etwa eine schöne Jazz-Suite zum Wohlgefallen der Zuhörer. Im Angebot auch kleine 2-stündige Demo-Einheiten etwa für Rhythmiker, bei denen unter Anleitung des/der Dozenten der Eleve spielt und anschließend analysiert und korrigiert wird. Das alles im Plenum, sodass auch die Anderen etwas davon haben. Die abendlichen Sessions finden „unter Aufsicht“ eines Dozenten statt. Eine feine Sache, da sich erfahrungsgemäß immer wieder Regelungsbedarf ergibt. Wer einen Ausgleich benötigt, kann in der Mittagspause unter professioneller Anleitung Entspannungsübungen genießen. Die Vollverpflegung ist in solchen Häusern in aller Regel nicht zu bemängeln, sogar Mineralwasser wird gratis gestellt. Die Unterkunft muss man sich allerdings selber besorgen. Ich war im fußläufig entfernten Hotel Caleo untergebracht, nicht wirklich günstig, aber um die Ecke. Alternativ und preiswerter geht’s auch, wenn man bisschen schaut. Es gab sogar Teilnehmer, die sich günstig über Airbnb eingemietet hatten. Alles in allem ein eher junger Workshop mit toller Organisation, guten Dozenten und prima Versorgung.

Tief im Saarland liegt Saarwellingen, Stadt im Landkreis Saarlouis. Hier findet seit Menschen- gedenken, nein, ich übertreibe, ein internationaler Workshop statt, dessen künstlerischer Leiter und einige weitere Kollegen nicht von hier stammen, eher von der britischen Insel, folglich auch häufiger in Englisch konversiert wird. Fast unüberschaubar groß ist die Teilnehmerzahl und tendenziell breitet sich Anonymität aus, befördert durch Proberäume, die weitläufig in der Stadt verteilt sind, Lokale, die ebenso auseinander gezogen, die Teilnehmerschar zur Essenszeit in jedwede Himmelsrichtung treibt. Auch die Sessions während der sechs Tage finden nicht im Zentrum der Stadt, der eigentliche Sitz des Workshops, statt, sondern weiter außerhalb auf einem rekultivierten Industriegelände, dem ‘Campus Nobel‘, mit einer allerdings veritablen Veranstaltungshalle. Den weiten Weg dorthin muss man leider in Kauf nehmen. Man fragt sich, warum nicht hier auch das Abschlusskonzert stattfindet und dafür der weniger ansprechende Bereich hinter dem neuen Rathaus genommen wird. Die insgesamt leicht desolaten Zustände werden durch ein attraktives Bigband-Angebot kompensiert, gleich aber wieder abgefedert durch wenig koordinierten Instrumentalunterricht der beiden Saxofonlehrer, zwischen denen laut Ansage hin und her gewechselt werden sollte. Zumindest war das in meiner Instrumentalklasse der Fall. Bei dieser Anzahl von Teilnehmern und dem insgesamt turbulenten Charakter des Workshops muss die emsige, umtriebige und sehr hilfsbereite Organisatorin aus der Stadtverwaltung genannt werden, ohne die manche Dinge wohl ein weniger glückliches Ende gefunden hätten.

Salzgitter – schmeckt bitter. Nein, Scherz beiseite. Es gilt zu berichten, dass dies ein Mammut- Workshop ist was die Teilnehmerzahl betrifft. Da kommen schnell mal einhundertzwanzig und mehr zusammen. Allerdings beschränkt man sich hier nicht nur auf den Jazz, sondern öffnet sich für Pop- und Rockmusik. Headquarter ist das Gelände der ehemaligen Feuerwache, heute ein sozio- kulturelles Zentrum, das mit gut ausgestatteten Räumlichkeiten punktet. Punktabzug dann gleich wieder durch die integrierte Kneipe, die mit ihrem Mittagstisch durch mangelnde Abwechslung (Es lebe die Currywurst!) den Teilnehmer schnell in die umliegenden Pizzerien treibt. Daumen hoch dann wieder, wenn gleich vor der Kneipe allabendlich gejammt wird. Jedenfalls schallt aus allen umliegenden Räumen höchst Unterschiedliches und vermischt sich zum bizarr-futuristischen Sound eines 21. Jahrhunderts. Theorie- und Instrumentalunterricht wird in unterschiedlichen Levels angeboten, wobei auch hier wieder mit insgesamt qualifiziertem Personal aufgetrumpft wird. Das Abschlusskonzert dann auf wirklich professioneller Bühne in der Veranstaltungshalle auf dem Gelände. Da stimmte vom Sound (Profi-Mixer) über’s Licht bis hin zur Bewirtung einfach alles, klasse! Parken in dem Bereich ist allerdings nur als Frühaufsteher erfolgsversprechend, also eher als katastrophal zu bezeichnen. Die Unterkunft muss man sich selbst suchen, wobei die im Krieg doch stark bombardierte Stadt nach ihrem Wiederaufbau städtebaulich wenig attraktiv erscheint, sich aber etwas außerhalb des Zentrums sowohl atmosphärisch als auch preislich gute Alternativen finden lassen.

Hier endet der Fortsetzungsbericht über meine Erfahrungen in der deutschen Jazzworkshop-Landschaft. Erneut möge man dem Autor aufgrund seiner subjektiven Sicht auf die Dinge den einen oder anderen Fehler verzeihen. Der Anspruch auf Objektivität wird auch nicht erhoben. Die Fortsetzung (1. Bericht JazzPodium, Heft 5/2017) soll Gleichgesinnten eine Orientierungshilfe sein. Allerdings muss jeder seine eigenen Erfahrungen in diesem Bereich machen. Andere An- und Einsichten wären dann nicht auszuschließen. In alphabetischer Reihenfolge sind unter folgenden Stichworten noch einige Gedanken ausgeführt, auf die der Autor ein besonderes Augenmerk legt.

Anbieter / Angebot
Deutschlandweit wird mittlerweile eine ganze Menge an Jazz-Workshops angeboten. Allein in diesem und vorangegangenen Report wurden insgesamt 21 solcher Workshops gezählt und viele weitere lassen sich zusätzlich ausmachen. Da nun versteckt sich bereits das Problem einer fehlenden Übersicht. In Zeiten des Internets lässt sich zwar mit ein paar Mausklicks der eine oder andere Workshop schnell finden, aber man wird viel lange suchen müssen, um etwa eine Gesamtübersicht zu erhalten. Die gibt es meines Wissens auch gar nicht. Da fragt man sich, wieso es keine Plattform gibt, die einem diesen Überblick verschafft und die Wahl erleichtert. Dabei haben wir in Deutschland durchaus verantwortungsbewusste Organisationen, die als „Provider“ auftreten und eine solche Plattform einrichten und pflegen könnten (z.B. Jazzinstitut Darmstadt). Trotzdem gibt es Hoffnung machende Ansätze wie etwa den Jazzkalender unter www.jazz-kalender.de, oder den Workshop-Finder von Roland Leonhardt unter http://workshops.leonhardt.de. Nachfolgend die Internet-Adressen zu den 21 (Teil 1/10, Teil2/11) von mir bis dato besuchten Jazz-Workshops (Stand: 11/2018):

Aachen http://www.jazzworkshop-ac.de/
Aidlingen http://www.jazzforumaidlingen.de/
Bamberg http://www.getonstage.eu/
Burghausen http://www.b-jazz.com/jazzkurse/
Chodziez https://www.chodziez.de/workshop.htm
Coesfeld http://www.kolping-ildungsstaette-coesfeld.de/die-kurse/musik/
Darmstadt http://www.jazzinstitut.de/jazz-conceptions/?lang=de
Einschlingen https://www.einschlingen.de/
Ettlingen http://www.birdland59.de/index.php?id=140
Erlangen http://www.jazz-workshops.de/internationaler-jazz-workshop-erlangen/
Freinsheim https://www.christianeckert.com/freinsheim
Heek https://landesmusikakademie-seminare.de/termindaten/267/
Hilden http://www.crossover-hilden.de/
Ladenburg http://www.jazzworkshopadenburg.de/
Mannheim http://www.ig-jazz.de/workshops/
N.-Seelscheid https://bergischer-jazz-workshop.de/
Neuwied http://www.landesmusikakademie.de/index.php?id=217&c=531
Remscheid http://www.jazzemble.de/
Saarwellingen http://www.international.jazzwerkstatt.de/
Salzgitter https://www.salzgitter.de/rathaus/fachdienstuebersicht/kultur/workshop.php
Weimar http://jazzomat.hfm-weimar.de/

Amateur-Workshops / Studenten-Workshops / Masterclasses
All diese Kategorien gibt es in der deutschen Jazz-Workshop-Landschaft. Nur, dass der Amateur in den meisten Fällen kein Student (mehr) ist und ein Student die Meister-Klasse eher an der Hochschule vorfindet. Schön wäre es, wenn Hochschulen sich stärker für Amateure öffnen würden, so wie technische Hochschulen längst Lehrgänge, Seminare und dergleichen für Nicht-Studierende anbieten und damit auch Einnahmen generieren. Auch beides zusammen wäre vorstellbar und müsste konzeptionell und curricular ausgetüftelt werden, aber eine Befruchtung durch angehende Profis könnte dabei herausspringen. Masterclasses werden meiner Erfahrung nach viel zu wenig auf Workshops angeboten. Man beobachtet jedoch immer wieder gute bis sehr gute Spieler, die dann regelrecht unterfordert sind, sei es in der Theorie oder in der Praxis. Hier wünscht man sich öfters Angebote mit einem Superior Level, um fortgeschrittenen Musikern eine Bühne zu geben, verbunden mit weiterführenden Impulsen.

Anmeldung
Man muss eine Art sportives Verhalten in Sachen Anmeldung an den Tag legen. Nicht, dass man vorher noch in die Muckibude müsste, nein, ganz so schlimm ist es nicht, aber, wer nicht schnell genug ist, hat das Nachsehen. Den Letzten beißen die Hunde und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, sprich, kommt auf die Warteliste und da kann man schon mal lange warten oder fällt gleich hinten runter. Irgendwie so läuft’s. Ist das unfair? Nein, aber auch nicht besonders fair. Ausweg? Mh, ich werde mir mal ein paar Gedanken machen…(s.a. Punkt: Wiederholer / Neue).

Dauer
Bei der Dauer der verschiedenen Workshops gibt’s echte Unterschiede. Von zwei bis zehn und mehr Tagen (z.B. Burghausen) ist alles zu haben. Den Remscheider Workshop habe ich oben bereits erwähnt, inklusive der möglichen Augenringe gegen Ende des Workshops, will sagen, genug ist genug, wobei gerade hier nicht die Woche, sondern eher die Dichte des angebotenen Stoffs und seine ungefilterte Aufnahme Probleme bereiten können. Umgekehrt sind nach meiner Erfahrung allzu kurze Workshops von weniger als vier Tagen oftmals auch weniger befriedigend, weil immer irgendetwas zu kurz kommt. Ausnahme hier vielleicht rein praxisorientierte Workshops. Wenn sie gut sind – wirklich schlechte gibt’s aus meiner Sicht gar nicht – bedauert man das frühe Ende und wünscht sich, es solle so noch ein bisschen weitergehen. Dass dahinter organisatorische, logistische, finanzielle usw. Probleme stehen ist sicherlich klar, aber man darf ja mal davon träumen.

Evaluierung
Evaluierung tut Not! Genauso wie oftmals zu wenig Innovationkraft in das vorhandene Angebot Eingang findet, verhält es sich mit der Evaluierung von Workshops. Hier darf und muss einmal das Kind beim Namen genannt werden, denn der Ladenburger Workshop ist darin ein Musterbeispiel. Nicht nur das der Internetauftritt fein gestrickt ist, sondern der bereits kurz nach Ende des Workshops ins Netz gestellte, ausführliche und Rückschlüsse zulassende Fragebogen ist vorbildlich und bedarf der Nachahmung. Mittels Evaluierung durch die Teilnehmer lassen sich genau jene Schrauben finden, die einen Workshop kreativ zur Feinjustierung herausfordern. Wenn die Macher das wollen, erkennen sie den Trend der Zeit, da aus der Auswertung heraus neue Impulse eingearbeitet werden können, die im Endeffekt beiden Seiten zugutekommen. Ungehindert dessen erhält der Teilnehmer durch sein Feedback und deren Auswertung samt Innovation die Gelegenheit, an der gemeinsamen Sache nicht nur beteiligt sondern auch mitgestalterisch tätig zu werden. Bravo!

Häufigkeit
In aller Regel finden die jeweiligen Workshops einmal pro Jahr statt. Das sollte ausreichen, sind die meisten doch als Amateure unterwegs und verdienen ihr Geld anderswie und anderswo, sodass viel mehr Zeit dafür nicht übrig bleibt und man ja auch noch urlauben und nicht immer diesen schwarzen Punkten hinterher spielen möchte. Doch ich ertappe mich bei der Forderung nach mehr. Auch kein Problem, da kann man halt auf einen anderen Workshop ausweichen. Und wenn man das gar nicht will, weil der alte so klasse war? Hier wäre zu überlegen, ob ein etablierter und nachfragesicherer Workshop anstatt ganzjährig versuchsweise halbjährig angeboten werden könnte, gegebenenfalls in divergenten Konzeptionen. An die Adresse der Veranstalter sollte dieser Testballon einmal gestartet werden.

Innovationen
Zuerst eine Art Limerick: ‘Es war mal eine Maus, die lief nur gradeaus. Da kam bald eine Mauer, da schrie sie auah‘. Vorheriges Abbiegen könnte die Schmerzen vermieden haben. Lob dem, dem etwas einfällt! Schön, wenn es sich dabei gleich um etwas Neues handelt. Es gibt diese Ansätze zu beobachten, genauso aber auch nicht. Leider ruhen verschiedene Veranstalter auf dem Erreichten aus, fahren ihr bewährtes Konzept und solange die Nachfrage stimmt, muss auch nichts Neues angeboten werden, aber das Lager ist breit gelegen. Gerade wenn Workshopper wiederholt besuchen ist es gut, neue Ideen, konzeptionelle Veränderungen zu wagen und damit ihrer Klientel entsprechende Impulse zu vermitteln. Manchmal reicht ein kleines Brush up der Angebotspalette aus, um das große Ganze in neue Farben zu setzen.

Kritik / Selbstkritik
Kommen wir zu einem wichtigen Punkt. Die Kritik als prüfende Beurteilung sollte von allen Teilnehmern grundsätzlich wahrgenommen werden. Das ‘Warum‘ liegt auf der Hand, denn nur so lässt sich Bewährtes zementieren und Unbewährtes ausradieren oder innovieren. So oder so ist Kritik unerlässlich, denn da, wo sich viele Menschen unter demselben Stern zusammenfinden, gehen Auffassungen, Ansichten und Meinungen durchaus auch auseinander. Sie zu kennen und zu diskutieren ist wichtige Voraussetzung für Macher von Workshops, um für die Gesamtheit einen soliden Boden und kreativen Überbau zu schaffen. Selbstkritik bleibt dann als Zauberwort für die Organisatoren übrig, aus dem sich selbiges herleiten lässt. Zusammen genommen und miteinander verflochten sollte dann alles zum (kleinen) ‘Opus Magnum‘ werden, was ein Jazz-Workshop durchaus sein kann.

Levels
Sowohl in der Instrumentalklasse als auch in der Combo ist die Sache mit den Levels nicht ganz so einfach, ebenso in den Theoriefächern. Schon die Erstangaben bei der Anmeldung wackeln, wenn die eigene Einschätzung sich Noten vergibt. Das wissen auch die Veranstalter und probieren schon mal einen anderen Weg aus. Im Vorfeld nach Möglichkeit eine Audio-Datei vom eigenen Spiel zuschicken halte ich für eine sinnvolle Sache, erleichtert es doch seitens der Organisatoren die Einordnung bzw. Zusammenstellung der Gruppen bereits zu einem frühen Zeitpunkt. Immer auch mit der Option vor Ort dann nochmal auszuwechseln, wenn es nicht passt. Im Theoriebereich wird’s dann noch etwas schwieriger, will man doch nicht in der Anmeldephase eine Art Aufnahmeprüfung ablegen, die beweisen soll, dass man über die einfache Dur-Kadenz längst hinaus gekommen ist. Alles in allem bleibt dieses Thema „Levels und Einordnung in dieselben“ kein einfaches. Schlimm wird es allerdings, wenn sich Instrumentalgruppen auf Dino-Größe hochschrauben. Wenn dann nicht nach Niveau unterteilt wird, bleibt es für viele unbefriedigend oder überfordernd, je nach dem.

Preise
Die hängen natürlich in erster Linie ab von der Dauer des Workshops. Die Schwankungsbreite liegt zwischen rund 200 € für 2-3 Tage reine Workshopkosten (Unterkunft und Verpflegung kommen noch dazu) und rund 650 € für knapp einer Woche für das Komplettpacket (alles unter einem Dach). Allerdings sind hier noch keine Fahrtkosten enthalten, die kommen nochmal obendrauf. Deshalb macht es Sinn, nach Möglichkeit Fahrgemeinschaften zu bilden, um zumindest hier etwas einzusparen. Bei der Unterkunft kann man ebenso einsparen, wenn man nicht gerade das teuerste Hotel am Platze nimmt, sondern z.B. in die örtlichen Jugendherbergen ausweicht, die heutzutage durchaus im Komfortstatus angekommen sind. Auch Airbnb wir zunehmend eine Alternative für die Unterbringung. Übrigens, nimmt man an einem Workshop im angrenzenden Ausland teil, rutscht man schnell mal über die 1000 €-Marke hinaus. Aufgepasst!

Wiederholer / Neue
Es gibt Workshops, die zeichnen ihre Klientel mit T-Shirt oder Kaffeetasse aus, wenn sie die 25er- Marke geknackt haben. Kleiner Scherz, ganz so schlimm ist es nicht, aber man „erzieht“ sich seine Kunden. Dagegen ist zuerst einmal nichts einzuwenden, solange den Neuen eine echte Chance eingeräumt wird. Wenn aber im Vorfeld die „alten Hasen“ ihre Reservierungen bereits abgeben oder der frühe Mausklick des „Wiederholungstäters“ darüber entscheidet und, weil er die Seite sowieso schon kennt, als Erster klingelt, hat der Nächste das Nachsehen. Leider ist dem Autor das häufiger passiert, da er zuerst einmal den Workshop ausfindig machen musste. Da aber der Anmeldestart schon verstrichen war, schauten mich lediglich lange Mundwinkel im Spiegel an. Also, „Gebt den Neuen eine Chance!“. Vielleicht sollten beim Veranstalter die Namenslisten durchforstet werden und z.B. nach dem dritten Mal mindestens einmal ausgesetzt werden müssen. Nur als Vorschlag. Fair trade forever!

Abschließend kann mit wohlwollendem (Saxofon-)Tenor und solider Zufriedenheit ein grundsätzliches Kompliment an die Veranstalter genannter Jazz-Workshops vergeben werden. Organisation und Ablauf gehen grundsätzlich reibungslos über die Bühne. Das Engagement der Dozenten ist durchweg als hoch zu bezeichnen. Die Locations samt Ausstattung und Verpflegung (wenn angeboten) sind in der Regel einwandfrei. Dennoch ist nothing perfect und da gibt es einige, mehrere Stellschrauben, wo man sich wünscht, dass an ihnen auch gedreht wird. Einen großen Wunsch hegt der Autor gegen Ende des Artikels dennoch. Aus seiner Sicht ist Jazz in erster Linie Improvisationsmusik, sprich, das Moment des spontanen Erfindens neuer Melodien über meist vorgegebene Changes steht im Vordergrund. Dies wird erfahrungsgemäß vernachlässigt. Da hilft auch nicht der Verweis auf die angebotenen Sessions, die zwar den Mangel leicht kompensieren, aber auch ihre eigene Problematik stetig mittransportieren, indem sich oftmals nur die „Erfahrenen“ auf der Bühne tummeln und die weniger Mutigen nur knapp zum Zuge kommen. Hier besteht ein Ungleichgewicht, das durch Inspirationen seitens der Veranstalter ausbalanciert werden sollte. Darüber hinaus sollten sie nicht als (mangelhaften) Ersatz für das Improvisieren innerhalb der Workshop-Combo dienen. Mittlerweile habe ich ganze Ordner angelegt, die den notierten Inhalt der Workshops widerspiegeln. Das ist schön und gut, belegt es doch meinen Fleiß, den ich diesem Hobby zolle. Wenn ich jedoch über die vielen Stücke sinnvoll improvisieren sollte, käme ich wohl bald an meine Grenzen. Ich habe im Laufe der Zeit mit vielen Teilnehmern diesbezüglich gesprochen und damit ins Zentrum getroffen, denn alle vergaben diesem Schwerpunkt Plätze weit vorne und sahen ebenso dessen Vernachlässigung im Rahmen der Workshopangebote. Hier also besteht die Chance ein Hauptcharakteristika dieses Musikstils aufzuarbeiten und den Teilnehmern vielleicht weniger notiertes Material vorzusetzen, sich nicht an allzu schweren Arrangements abzuarbeiten (und damit Zeit einzusparen), sondern verstärkt didaktisch-methodische Hilfen anzubieten, die ein bedeutsames jazzrelevantes Detail intensivieren, die (formgebundene) Improvisation und damit eines der wichtigsten musikalischen Gestaltungsmittel des Jazz.

Anm.:
Die Erstausgabe der beiden Texte erfolgte in der Zeitschrift Jazz Podium vom Mai 2017 bzw. November 2017.
Der Autor ist Architekt und Hochschuldozent. Er lebt in Ost-Sachsen/Zittau und arbeitet dort an der örtlichen Hochschule.

Saxophonic

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