Jazz Workshops – ein unausweichlicher Erfahrungsbericht

Jazz Workshops – ein unausweichlicher Erfahrungsbericht

Wenn man als altgedienter Großstädter, dazu in Köln, einer Hochburg des deutschen Jazz, an das andere Ende der Welt, will sagen, ins ländliche Ost-Sachsen verschlagen wird, dämmert einem bald, dass hier der Stoff, die Droge Jazz nur mangelhaft gedealt wird. In der Jazzdiaspora überleben ist die eine Sache, dem Entzug entgegenwirken die andere und gelingt nur durch ein temporäres Fluchtverhalten, auf der Basis eines soliden, PS-starken Antriebs, der einen sicher und zuverlässig durch die Republik kutschieren hilft und weit hinein in die Welt der sogenannten Jazz-Workshops führt. Es gibt sie mittlerweile landauf, landab, sprich bundesweit, aber suchen muss man sie trotzdem. Im Telefonbuch stehen sie schon lange nicht, liest ja auch keiner mehr, dafür gibt’s aber das Internet und hier beginnt die kleine Odyssee, die der Autor mutig in den letzten drei Jahren gesegelt ist. Die homerischen Stationen in diesem Fall lauten in alphabetischer Reihenfolge: Aachen, Aidlingen, Bamberg, Chodziez, Darmstadt, Erlangen, Ettlingen, Freinsheim, Hilden, Ladenburg, Mannheim, Neuwied, Remscheid, Saarwellingen, Salzgitter, Weimar. Und es werden in 2017 neu dazu kommen Burghausen, Coesfeld und Heek. Dann noch in 2018 Einschlingen und Neunkirchen-Seelscheid. Für 2019 soll’s dann den frisch aus der Taufe gehobenen Workshop in Siegburg geben unter der renommierten Leitung von Martin Sasse. Der Workshop in Inzigkofen wäre dann schließlich noch eine Option für’s selbige Jahr. Uff!

Von Friedrich Wodarczack – To whom it may concern!

„Ja, ja“, meinte ein guter Freund zu mir, „die Oberlausitz ist wohl nix für Jazz“ und traf damit den Nagel auf den Kopf. Seit mehr als zehn Jahren war ich nun aus dem rheinländischen Köln in die mir damals völlig unbekannte Oberlausitz gezogen, nur die Wetterkarte der Tagesschau erwähnte sie gelegentlich. Eine Region im sogenannten Dreiländereck Deutschland, Tschechien, Polen. Schuld war die ostdeutsche Herzdame, die es geschafft hatte, den rigoros Umzugsunfreudigen rund 700 km in die Ferne zu locken.

Nun war ich als Großstädter, zumal in Köln, in Sachen Jazz sicherlich in einem kleinen Paradies zuhause gewesen und sicherlich war es auch diese Stadt am Rhein, die mich in die Bannmeile Jazz hineingezogen hatte und nicht nur das, sondern mich auch zum Amateur-Jazzer am Tenorsaxofon hatte heranwachsen lassen. Ob Musikhochschule oder Offene Jazzhausschule Köln (OJHS), hier waren und sind die Voraussetzungen für eine Entwicklung in der Musik speziell in dieser Musikrichtung formidabel zu nennen. In Köln war es auch nie ein Problem als Amateur in einer Band mitzuspielen. Entweder lernte man die Leute über die OJHS kennen, machte einen Aushang an einem der „Schwarzen Bretter“ entsprechender Einrichtungen oder setzte eine Annonce ins Stadtmagazin, irgendetwas davon klappte immer und schon konnte es losgehen.

Ich hatte also in der erwähnten Schule über viele Semester eine solide Grundausbildung in diesem Metier erhalten und auch über die Jahre hinweg einige Spielerfahrung in diversen Combos gesammelt. Auch lagen schöne Auftritte in unterschiedlichen Formationen hinter mir. Alles in allem also ein stabiler Background, ein gutes Rüstzeug und kein Grund vor der „Auswanderung“ weiche Knie zu bekommen.

Doch dann der Absturz. Plötzlich fand ich mich wieder im – Dorf! Ich muss zugeben, dass ich mich zuerst leicht infantil gebarend an Bullerbü erinnert fühlte, jene schwedische Dorfidylle, wo Kinderseelen ein abenteuerreiches, glückliches Dasein verbrachten. Jedenfalls kam mir zuerst alles in Farbe vor – was wohl auch der damaligen Liebe geschuldet sein mochte. Es dauerte auch nicht lange bis durch mein Saxofon die ersten Arpeggien, Skalen und Standards in den ländlichen Äther aufstiegen. Als Proberaum diente die sogenannte Stube im sogenannten Umgebindehaus, was für den Rheinländer in etwa vergleichbar ist mit einem Fachwerkhaus. Dann stellte sich unmerklich Sehnsucht nach meinesgleichen ein und ich spürte ein aufkommendes Verlangen nach – JAZZ. Jazz in einer Band, das sollte es sein. Ich begab mich auf die Suche. Im ländlich strukturierten Raum der Oberlausitz gibt es zwar eine schöne, bisweilen faszinierende Landschaft, viel frische Luft (gut für einen Bläser!), gleichwohl viel Ruhe und – Sie ahnen es schon was kommt – Blaskapellen und noch mehr Blaskapellen. Ja, sie lesen richtig. Der ach zu großen Ruhe wird trotzig und mit schöner Regelmäßigkeit die kollektive Breitseite der Blechblasmusik entgegengeschmettert. Anlässe dafür gibt es zahlreiche und auch genügend, seien es Kirchenfeste, Feuerwehrfeste, Hochzeiten, Jubiläen usw. usw. Und falls es mal keinen mehr geben sollte, wird einer halt erfunden. Da kennt die Fantasie des „Granitschädels“, wie der Oberlausitzer zuweilen liebevoll genannt wird, keine Grenzen.

Aber zurück zu Sache. Da ich mich nicht unbedingt zur intoleranten Spezies der Zweibeiner zähle wurden von mir auch einige Besuche jener besagten Formationen aus Blech absolviert, allerdings nicht als aktiver Mitstreiter. Ob unter freiem Himmel oder im Feuerwehrdepot, immer war die überaus fürsorgliche Betreuung samt Versorgung durch den Anhang und dessen Anhang optimal gewährleistet. Und genau das war es wohl, was mich als einzig zugkräftiges Argument hätte in dieses Kollektiv aus Bratwurst, Schaps und Bierbauch hineingezogen. Alles andere weniger. So blieb es also bei besagten Besuchen und der Leidensweg setzte sich fort. Ich schmachtete noch als mich meine unheilvolle Abstinenz mit der Kreismusikschule Löbau und ihrer Dependance in der nahegelegenen Kleinstadt Zittau bekannt machte. Dort warb sie mit einer Jazzband unter dem ominösen Namen „Dachkammerband“ und suchte einen Saxofonisten. Übrigens, später wurde das „Dach“ gestrichen und übrig blieb die „Kammergang“. Nun hat weder die Kammer noch die Gang eine wirklich positive Konnotation. Ich fragte mich: War das das Los, was der Jazz hier gezogen hatte? Reichte es für ein ordentliches Umfeld nicht mehr aus und wurde möglicherweise sogar scharf geschossen unter den „Gangmitgliedern“? Scherz beiseite, es war und kam ganz anders.

Ich deutete alles als ein Zeichen Apollos, überwand meine Zweifel, packte mir ausreichend Lead Sheets unter den Arm, schnallte mir die Kan(o)ne um und sprach, zielstrebig ein Band(en)mitglied werden wollend, beim Boss der Gruppe vor. Der Boss war wirklich nett, kannte aber nicht allzu viele meiner mitgebrachten Lieder, saß selber am Klavier und war in seinem letzten Leben sicherlich eher in der Welt des Schlagers unterwegs gewesen. Immerhin durfte ich bleiben und reihte mich ein in das achtköpfige Ensemble. Gleich beim ersten Tune – es war wohl „A Night In Tunisia“ – setzte ich zum Chorus an, wurde aber bereits nach acht jämmerlichen Takten rausgewunken. Meine Verblüffung war groß und schon stritt ich mit dem Boss über die Länge eines soliden Chorus. Die anderen Mitstreiter schien das nicht sonderlich zu beeindrucken, bemerkte man bei ihnen doch allzu sehr die Unlust gepaart mit kleinen Angstschweißperlen über die Kadenz improvisieren zu müssen, was die Sache Jazz eigentlich auf den Kopf stellt. Lange hielt ich es nicht aus in der „Kammergang“, obwohl in den wenigen Wochen doch tatsächlich zwei Auftritte zu verzeichnen waren. Der erste fand zur Wiederwahl eines jungen Dorfbürgermeisters auf dem Austrittspodest der barocken dreiläufigen Freitreppe seines Amtssitzes statt. Dabei lag der Schwerpunkt allerdings auf der vorzüglichen Beköstigung der Musikanten – vorher und nachher! Beim zweiten Auftritt fand ich mich wieder auf einer zur Kleinbühne umgebauten Traktoranhängerpritsche, auf der wir uns wie Heringe in der Dose vorkamen, dabei vor uns, Open Air, die halbe Dorfgemeinschaft, Bier schlürfend und in die Bratwurst beißend. Diese Erfahrungen muss man halt mal machen, auch als Jazzer, sagte ich mir. Dennoch, nach drei Monaten schmiss ich das Handtuch und zog mich zurück in der ländlichen Jazzdiaspora.

An der örtlichen Hochschule Zittau/Görlitz (mein Arbeitgeber) schaffte ich nach einiger Zeit und mit viel Aufwand eine Combo zusammen zu stellen. Vorerst noch ohne Schlagzeuger, dafür mit Kontrabass, Trompete und Klavier besetzt, probten wir die ersten Jazzstandards ein. Ich kümmerte mich fürsorglich um den „Nachwuchs“, da von den Jungs keiner Jazzerfahrung hatte und so wurde ich nicht nur zum Leiter der Band sondern dieweil auch zum „Jazzlehrer“ befördert. Wir hatten sogar ein paar wenige Auftritte an der Hochschule, die man wohlwollend betrachtet als solide bezeichnen darf. Doch dann geschah eine merkwürdige Transformation (oder auch Alteration, um einmal die musikalische Begriffswelt zu bemühen). Aus meiner anfänglichen Hilfsbereitschaft in Sachen Jazz Exercises For Beginners wurde nach nicht allzu langer Zeit ein Smartass und Faultfinder, beides keine besonderen Auszeichnungen im Hier und Jetzt, was natürlicherweise die weitere Zusammenarbeit störte und vorzeitig beenden musste. Trotz einer schulpädagogischen Ausbildung hatte ich wohl versagt, zu viel gefordert und zu wenig akzeptiert. Die Band ging den Bach runter, Damned!

An dieser Stelle muss erklärend darauf hingewiesen werden, dass die im ländlichen Raum ausreichend vorhandene Freifläche nicht nur den Rindviechern zum Wohlergehen verhilft, sondern manchem Einheimischen zu eher verbotenen Fantasien inspiriert. Im vorliegenden Falle war es unser Schlagzeuger, der altersgerecht in der Landschaftsidylle wohnend seine eigene Kulturpflanze großflächig hegte und pflegte, erntete und ebenso gewinnbringend vertrieb. Ein Eintrag in seinem Führungszeugnis war die offizielle Anerkennung seines verbotenen Tuns. Leider suchte er immer wieder nach neuen Opfern für den Absatz seines Ernteertrags und fand ihn bedauerlicherweise auch im Kontrabassisten der Band. Eine mangelhafte Konsequenz dieser Kundenkreiserweiterung war die Halbierung unserer Probezeit für die regelmäßige Aufnahme dieser außereuropäischen Feldpflanze. Ungehindert dessen machte sich der konstante Konsum auch im Timing der Inkorporierenden eher nachteilig bemerkbar. Aus Up-Tempi wurde Medium geformt, Slow wurde noch slower, Balladen traten fast auf der Stelle. Ich sage ja nix gegen Entspannung, aber wo soll denn dann die nötige Spannung herkommen!? Nach dem Bassisten traf es unseren neugewonnen, noch im Frühling des Daseins stehenden Schlagzeuger. Er wurde nichts ahnend in die Unterwelt des giftigen Dampfes gezogen, der seine jugendlich zarten Lungenflügel leise schleichend bereits anschwärzte. Der Arme stieg also früh und vielleicht ungewollt hinab in die Halbwelt der Rauschmittel samt ihrer Abgründe, in das Dunkel flüchtiger Fantasien und scheinbaren Befriedigungen. By the way, der Hauptmann, Anführer der Drogenkolonne, hatte bereits den Knast von innen gesehen, die anderen zwei waren wohlmöglich auf dem besten Wege dorthin. Nix wie weg hier!

Aber Halt! War der Jazz, und ich spreche hier eher vom Mainstream im Amerika der 40iger bis 60iger Jahre, nicht auch eng mit dem Drogenmilieu verbandelt? Waren sie nicht wie Bruder und Schwester engsten miteinander verwandt? Und, fußten die fantastischen Kreationen von Bebop, Hardbop, Cool Jazz und Free nicht auch auf teuflischen Mixturen chemischer Formeln, höllischen Cocktails aus Talwin und Pyribenzamin, Chloralhydrat und Lysergsäurediethylamid? Ich erinnere an Charly „Bird“ Parker und Thelonius Monk, an Billy Holiday und Chet Baker, an Stan Getz und Larry Coryell und all die anderen Großen. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen, was sie aber nicht unbedingt besser macht. Sei’s drum. Ich will kein Urteil fällen, aber eine Entscheidung stand wohl an. Der Zwiespalt bescherte mir im Laufe der Zeit schlaflose Nächte, temporale Schweißausbrüche, verkappte Arztbesuche, kurz, depressives Anfangsstadium eines Diasporajazzers. Mit ein Grund das Handtuch zu werfen, war ich doch Hochschulmitarbeiter und dem Rektorat verpflichtet. Das hätte ins Auge gehen können, wäre das alles ans Tageslicht gekommen und ich wohlmöglich noch selbigst im Knast gelandet. So musste ich als kleiner Feigling den Rückzug antreten und meine Wunden lecken. Apropos: Die Band hat sich dennoch gehalten, wenn auch nicht mehr in Sachen Jazz unterwegs, egal, meine Initiative hat letztendlich doch noch Früchte getragen.

Nach innerer Einkehr und Erholungspause setze ich erneut an mich (jazz-)musikalisch einzubringen. Die bereits erwähnte Kreismusikschule bildete seit Jahren und unter fachkundiger Anleitung SaxofonistInnen mit Schwerpunkt Klassik aus. Es traf sich, dass zwei Mitglieder, beide Hochschul-angehörige, daselbst Mitglieder waren, also ebenfalls Saxophon spielten. Von einer weiteren Mitarbeiterin unserer Hochschule wusste ich, dass auch sie nebenbei Altsaxofon spielte. Alle drei waren von der Idee eines Hochschul-Saxofon-Quartetts begeistert und – mittlerweile in der Gegenwart angekommen – werden die ersten Lieder einstudiert mit der kleinen Einschränkung, dass das Liedgut (vorerst noch) eher aus klassischen Beständen herrührt, was unser Repertoire auch prägt, sodass ich meine Jazzambitionen runterfahren muss, dennoch Freude verspüre, da mich die Herausforderung des „exakten Spiels“ reizt und über allem ein reines Saxophonquartett sowieso ein Knaller ist. Übrigens arbeite ich (undercover) an der allmählichen Infiltration von Jazzstücken. Hoffentlich gelingt’s! Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt und das gilt auch für den JAZZ im einstigen „Tal der Ahnungslosen“ und damit basta!

Nun sei mir zu allererst ein kleiner Zeitsprung rückwärts gestattet, um die Geburtsstunde und den Ort des Abenteuers „Jazzworkshop“ zu benennen. Anschließend will ich dann berichten wie man aus der Not eine Tugend machen kann, wenn nix mehr geht, wenn einem die Liebe zum Hobby entzogen wird oder besser diese aus besagten Gründen nicht genährt werden kann.

Es muss 2003 gewesen sein als ich meinen ersten Jazzworkshop machte. Gleich führte mich der Weg ins Ausland nach Polen, genauer nach Chodziez, nördlich von Posen (als „Restpole“, meine Vorfahren stammen aus Polen, damit wohl eine intuitive Entscheidung). Angelpunkt war seinerzeit Leszek Zadlo, künstlerischer Leiter und als ausgereifter Saxofonist der Coltrane-Schule bekannt im In- und Ausland. Rund zehn Jahre später, ich war noch im Rheinland zuhause, wiederholte ich diesen Workshop und – wurde vor Ort vom Hund gebissen. Wieder war es Zadlo, immer noch in diesem Amte, der mich rettete (ich weilte in einem Tollwutgebiet) und vorzeitig aus dem Krankenhaus ins Abschlusskonzert bugsierte. Die wirklich heiße Phase des Workshoppers Wodarczack begann allerdings erst ab dem Jahre 2014. Ich saß, wie bereits erwähnt, in der Oberlausitz und zwar fest. In Sachen Jazz ging zu meinem Leidwesen mangelhaft wenig bis gar nichts. Dann aber überschlugen sich die Ereignisse. In den darauffolgenden drei Jahren besuchte ich an die zwanzig Workshops in ganz Deutschland.

Zuerst einmal die guten Dinge vorweg. Es ist unglaublich aber wahr, dass in aller Regel die Dozentenschar ihre Sache versteht und weiß wovon sie spricht. Für den Lernenden eine gute Ausgangsbasis, die noch gesteigert wird durch die häufig auch pädagogische Qualität der Unterrichtenden (Anm.: Der Autor weiß wovon er spricht, hat er doch selbst eine pädagogische Ausbildung absolviert). Bemerkenswert sind auch die grundsätzliche Aufgeschlossenheit, das Engagement und die Unterrichtslust der Dozenten gegenüber ihrer Klientel. Eine Erklärung dafür mag sein, dass in Deutschland seit etwa den späten 80iger, dann ab den 90iger Jahren die akademisierte Ausbildung des Jazzers mit Abschluss in die Breite ging. Bundesweit, allen voran Berlin und Köln, boten eine qualifizierte Hochschulausbildung unter profilierten Hochschullehrern an. Dabei handelte es sich i.d.R. um etablierte, meist altgediente Jazzer der ersten Stunde wie etwa Manfred Schoof, Jiggs Whigham, Siggi Busch, Joe Viera, Karl Berger, Joe Haider oder etwa Günter Hörig aus der ehemaligen DDR, um nur einige wenige zu nennen, die ihre Erfahrungen weitergeben konnten, was heute von den Jüngeren fortgesetzt wird. Die Abschlüsse, ob als Berufsmusiker an einer Hochschule erworben oder als Musiklehrer etwa über eine pädagogische Hochschule erreicht, befähigen die Absolventen in der Regel zu einer qualifizierten Ausbildung und Unterrichtsgestaltung des Nachwuchses.

Allerdings entstand damit eine Art „breitensportliche Bewegung“. Denn wer hierzulande einen Abschluss über eine anerkannte Ausbildung erwirbt, noch dazu verbunden mit einem akademischen Grad, der will und soll auch in diesem Beruf sein Geld verdienen. Nun weiß man ja spätestens seit den wissenschaftlichen Untersuchungen zur Lage der Jazzer in Deutschland (Anm.: Jazzstudie 2016, Thomas Renz, Maximilian Körner, Universität Hildesheim, 2016) wie es um diese Berufsgruppe bestellt ist. Kurzum, es sieht nicht wirklich rosig aus! Ein kleiner Ausweg aus dieser Misere lautet: JAZZWORKSHOP.

Und so sprießen seit jenen Tagen bundesweit mehr und mehr dieser Workshops aus dem Boden und der Samenbeutel scheint noch nicht leer zu sein, kommen doch immer wieder weitere Angebote dazu. Dabei reicht die Palette vom Tages-Workshop bis hin zum 14-tätigen Marathon à la Burghausen, wenn es sein muss auch eingebettet in eine Anzahl unterschiedlicher Kunstdisziplinen (Schwäbischer Kunstsommer Irsee). Die ganze Sache hat mindestens zwei erkennbare Vorteile und zwar für beide Seiten, nämlich, der jazzspielende Nicht-Berufsmusiker, sprich Amateur, erhält die Möglichkeit sich über diese Workshops aus- und weiterzubilden, gleiches gilt übrigens auch für den Profi, und der Lehrer/Dozent hat eine Erwerbsquelle erschlossen, die ihn sicherlich nicht vor dem Hungertod rettet, aber diesen doch hinauszuzögern weiß. Scherz beiseite, es ist fast unglaublich, welche Qualität an Dozenten auf diesen Workshops auftaucht. Da liest man von Bundespreisträgern, Förderpreisträgern, Hochschullehrern usw. usw. So tummelt sich also hochkarätiges Personal in diesem Jazz-Pool der II-V-I-Verbindungen und ihren Variationen. Dabei ist auffällig, dass im Grunde die allermeisten Workshops zwar gleiche Strukturen aufweisen, sich dennoch einige durch konzeptionelle Unterschiede gar Feinheiten voneinander unterscheiden.

Da wäre zum Beispiel Remscheid mit seinem Angebot Sommerkurs Jazz&Rock, das bereits Emeritus Joe Viera in 60iger-Jahren krönte und aus dem im neuen Jahrtausend genau seit 2004 bis dato der Workshop jazzemble unter der Leitung aller Dozenten (vielleicht deshalb diese Bezeichnung) hervorgegangen ist. Hier ist besonders die Feinheit des eingeführten Gastdozenten zu nennen, die seit einigen Jahren verfolgt wird, wobei dieser in jedem Jahr wechselt. In diesem Jahr (2018) war es der verdiente Jazz-Pianist Martin Sasse, der sich einreiht(e) unter seinesgleichen der vergangenen Jahre wie etwa Thomas Heberer, Stefan Bauer oder Jarry Singla. Julia Hülsmann war gemeldet, musste aber vorzeitig absagen. Der Kurs, immer von bis zu 80 jazzbegeisterten Menschen fast aller Altersklassen besucht, findet quasi eine ganze Woche in der ‘Akademie der kulturellen Bildung des Bundes und es Landes NRW‘ (welch ein Titel!) statt. Alles ist unter einem Dach untergebracht wie Essen, Schlafen, Musizieren, sogar Sauna und ein kleiner Pool stehen zur Verfügung. Dabei ist die Lage als extraordinär zu bezeichnen, liegt das Gelände samt Flachbau doch unmittelbar am Waldesrand und lädt in den Pausen zu Outdoor-Aktivitäten ein. Bei dem intensiven Workshop allerdings auch sehr empfehlenswert, da das Tagesprogramm, nein das Wochen- programm dem Fleißigen zum Ende hin die Ringe unter die Augen treibt. Garantiert! Es scheint pragmatisch zu klingen, ist aber nicht unwichtig. Wer mit dem Auto anreist und das tun sicherlich die meisten, kriegt ein Problem, denn die Parkmöglichkeiten auf und an dem Gelände sind sehr begrenzt (Anm.: Der Autor wurde bereits einmal abgeschleppt und zweimal verwarnt). Hier empfiehlt es sich frühzeitig anzureisen, sonst hat man das Nachsehen. Die Sessions finden verstreut in den verschiedenen Übungsräumen des Hauses statt und man weiß gar nicht, erst recht nicht als Neuling, wo wer was spielt. Gut wäre z.B. ein Board, an dem diesbezüglich etwas veröffentlicht werden könnte. Eine Schwachstelle also und auch verbesserungswürdig. Genauso wie das Abschlusskonzert am vorletzten Tag, das in der viel zu kleinen Kellerbar unter allgemein weniger guten Bedingungen stattfindet, zu spät beginnt und viel zu spät endet, gerade wenn man weiß, dass einige Stunden später der Workshop endet und die Abreise ansteht. Da hilft auch die Reminiszenz nicht drüber hinweg, dass der Jazz wohl eher ein „Kellerkind“ war und man so auch schließlich eng zusammenrückt. Wenn man dann noch weiß, dass eine Etage drüber eine erstklassige Aula (mit Flügel!) zur Verfügung steht, die in der Woche zwar als Bandstand für‘s Dozentenkonzert und zweimaliges Vorspiel genutzt wird, dann aber quasi verwaist, versteht man die Jazz-Welt nicht mehr wirklich. Hier sollten die Macher nach anderen Lösungen suchen, die einfach komfortabler für alle sind. Offensichtlich hat die Organisation das Manko erkannt und lässt als reizvolle Idee und Verbesserung neuerdings zu Beginn des Abschlusskonzerts zumindest einige Bands verschiedene Raumbereiche des Hauses bespielen, wozu dann auch der große Saal gehört. Ansonsten ist das Angebot fast umwerfend und gottseidank gibt es keine Verpflichtung an allem teilnehmen zu müssen. Auf einen wesentlichen Vorteil aus der Sicht des Autors sei noch hingewiesen, nämlich, dass die Veranstaltung All Inclusive in einem Haus und an einem Ort stattfindet, was bei den genannten Workshops eher nicht der Fall ist. Der Eindruck sozusagen „im selben Boot zu sitzen“ und das bis zum Schluss und damit verbunden ein Gemeinschaftsgefühl, das sich aus derselben Sache generiert, wird an dieser Location ziemlich schnell befördert und mündet ins Gruppenfoto am Abreisetag gleich nach dem letzten gemeinsamen Frühstück. Alles in allem ein lohnenswerter Workshop für Einsteiger und Fortgeschrittene, die bei diesem engagierten Dozententeam sicherlich mit viel Neuem und erweitertem Alten im Jazzgepäck Nachhause fahren.

Jetzt also Aidlingen. Wo liegt denn das? Da googelt man und: „Aidlingen liegt im Landkreis Böblingen“, rund 30 km südwestlich von Stuttgart entfernt. Und es ward wieder Herbst, goldener Oktober, zweieinhalb Tage im Saal des Stadtschlosses, eine (Big-)Band, ein Dozent, dazu gleich Professor für Jazzklavier, nebenbei nette Betreuung durch Mitglieder des örtlichen Jazzvereins. Da geht Jazzmachen ganz stark mit Wohlfühlen zusammen. Mit hochgradig pädagogischem Geschick und ausgewiesenen Softskills des Dozenten wurden es geradezu intime Tage im Kreise Seelenverwandter, die sich abends gesammelt in der örtlichen Pizzeria am großen Tische wiedertrafen. Keine Theorie, nur Musizieren, Praxis pur. Davon wünscht man sich mehr! Kompliment an die dortige Jazzinitiative für ein solches Angebot, das – nun die traurige Nachricht – seit 2016 zumindest ruht, da innerhalb des Vereins personaltechnische Probleme aufgetreten sind, die vorerst die Fortsetzung dieses schönen Angebots verhindern. Da wünschen wir dem Verein baldige Klärung und viel Fortune, damit das Weitermachen gelingt. Zum Schluss bleibt als einziger Kritikpunkt das unter Ausschluss der Öffentlichkeit und damit für meine Begriffe nicht stattgefundene Abschlusskonzert am Sonntagnachmittag, zählt man die wenigen Anverwandten, die Beifall klatschten, nicht dazu,. Hier hätte der Veranstalter das durchaus präsentierbare Ergebnis einer größeren Zuhörerschaft offerieren können.

Bamberg, du schönes Städtchen, fränkisches Rom, mit „Klein Venedig“ an der Regnitz, Jazz und Weltkulturerbe, obendrein eingebettet in ein großes Musikfest. Das passt doch alles gut zusammen! Wie bereits erwähnt sind die inhaltlichen Konzeptionen verschiedener Workshops ähnlich, hier aber gibt es echte Unterschiede. Das beginnt schon mit der klaren Öffnung auch für Pop-Musik, was Puristen allerdings nicht verschrecken sollte. Die Teilnehmerzahl ist überschaubar mit rund 30 Leutchen (2016). Alles findet in der frisch sanierten Musikschule auf dem Michaelsberg statt mit fantastischem Blick über die Stadt. Es gibt keine strikte Zuordnung zu einer Combo, sondern man wählt unter mehreren Stücken seine Favoriten aus und so kommt es, dass man in mehreren Bands auftaucht, was allerdings im Ablauf leicht stressig ausarten kann. Hier muss nochmal korrigiert werden, damit das Ausgeglichensein den Vorzug erhält. Dann vorneweg gleich eine Session in einem „richtigen“ Jazzlokal auf kleiner Bühne, aber bereits vor Publikum. Das macht Laune. An selber Stelle geht’s dann zwei Tage später auf der großen Bühne schon fast professionell zu. Jazz wie im richtigen Leben! Das alles eingebunden in das sogenannte ‘Tucher Jazz & Bluesfestival‘, das über die Tage hinweg an verschiedenen Orten verstreut in der Stadt aufspielt, wobei auch die Dozenten-Combo an einem Abend Act auf der Hauptbühne im Zentrum der Stadt wird. Abschlusskonzert dann auf kleinerer Open-Air-Bühne in der Fußgängerzone im Rahmen des Festivals (auch im Programm angekündigt). Das macht alles irgendwie richtig Laune und, wenn man dazu noch eine günstige Unterkunft gefunden hat, will man nach sechs Tagen Workshop verlängern. Kleine Schwachstelle hier die Verpflegungssituation durch Angeliefertes. Manchmal bisschen knapp bemessen (wird sich aber ändern wurde versprochen) und der umfunktionierte Eingangsbereich als „Speisesaal“ für meine Begriffe leicht gewöhnungsbedürftig. Entschädigung stante pede, wenn bei schönem Wetter direkt vor dem Haus an rustikaler Biertischgarnitur gespeist werden kann. Alles wieder mit tollem Blick auf die schöne Stadt. Übrigens hat man nach den Tagen sicherlich an Wadenmuskulatur zugelegt, wenn man schön brav den Auf- und Abstieg zur Musikschule per pedes genommen hat. Den engagierten Machern dieses Workshops gebührt ein verdientes Lob.

Darmstadt ruft und dieser Ruf kommt direkt aus der hohen Kathedrale des dort ansässigen Jazzinstituts, das mit der Bessunger Knabenschule, heute ein sozio-kulturelles Zentrum, unter dem Namen Jazz Conceptions alljährlich im Juli einen sechstägigen Workshop durchführt. Er zeichnet sich dadurch aus, dass neben dem Dozenten-Stamm gleich mehrere verschiedene, auch internationale, Dozenten eingeladen werden und dies im jährlichen Wechsel. So ist die Liste der Eingeladenen schon jetzt ellenlang und bildet das Who Is Who des nicht nur deutschen Jazz ab. Für „Wiederholungstäter“ interessant, da sie immer wieder auf neue Dozenten stoßen und für Neue interessant, da sie anhand des wechselnden Dozenten- und damit Instrumentalangebots gezielter auswählen können. Ein wirklich gutes Konzept! Allerdings kann es bei einem renommierten Gastdozenten auch zum „Massenansturm“ auf Besagten kommen und da wird’s entweder ziemlich eng im Raum oder man sitzt erst gar nicht in diesem drin und landet dann nicht beim Wunschdozenten. Die Örtlichkeit befindet sich unweit des Jazzinstituts, in dessen Kellergewölbe auch einmal eine abendliche Jam-Session stattfindet. Ansonsten findet die eine oder andere Session an unterschiedlichen Orten in der Stadt statt und da muss man schon mal einige Wege in Kauf nehmen. Die Verpflegung durch die improvisierte Küche im Gebäude ist zufriedenstellend. Die Stadt mit ihren vielen Cafés und Kneipen/Restaurant bietet zusätzlich ausreichend Alternativen zur Selbst- versorgung. Ein feines Highlight zum Ende des Workshops nennt sich „Sonderworkshop“ und besteht in der Einladung einer Koryphäe des (deutschen) Jazz. Als ich dort weilte (2015), war es der hochbetagte Emil Mangelsdorf (90), der am finalen Tag aus seinen Memoiren las, begleitet wurde von der Dozentenband und auch selbst durchaus noch agil am Altsaxofon seine bewährten Bebop- Phrasen beisteuerte. Auch dies ein Angebot, das jährlich wechselt und interessante Persönlichkeiten aus der Jazzwelt vorstellt. Chapeau! Darmstadt ist konzeptionell sicherlich für einige sehr interessant und die unmittelbare Nähe zum Jazzinstitut Darmstadt sollte die Neugier auf einen Besuch dieser wichtigen Stätte des Jazz wecken.

Jetzt aber zu Ettlingen, südlich von Karlsruhe gelegen im Bundesland Baden-Württemberg. Ein beschauliches Städtchen mit knapp 40.000 Einwohnern, netten Cafés, ausreichend Kneipen und Restaurants, einfach Wohlfühlcharakter. Dann die Stätte des Geschehens: Zentral gelegen die örtliche Musikschule, fein saniert mit integriertem Jazz-Club Birdland59. Seit 1994 etabliert und mit jetzigem Domizil und Veranstaltungsort im Gewölbekeller der Musikschule heimisch geworden. Sogar kostenfreie Parkplätze stehen den Teilnehmern gleich um die Ecke zur Verfügung (Anm.: Der Autor weiß dies zu schätzen!). Allein das Ambiente der Schule mit Jazzkeller hat schon Stil. Bereits 2011 aus der Taufe gehoben, bieten die Dozenten, allesamt gestandene Profis aus der ersten Reihe der deutschen Jazzgilde und gleichsam Hochschuldozenten rauf und runter, vier Tage ein durchstrukturiertes Programm der Extraklasse für den Workshopper. Man fühlt sich in sicheren Händen und freut sich auf die bevorstehenden Tage. (Fast) alles findet unter einem Dach statt und das gern genommene Hotel liegt unmittelbar um die Ecke. So fällt man sozusagen zu später Stunde, wenn die Lichter ausgehen und das letzte Solo verklungen ist, ohne großen Aufwand in die Betten, ein kleiner Jazztraum sozusagen. Als Warm Up geht’s gleich morgens um moderate 10 Uhr in eine halbstündige „Vorlesung“ über ein interessantes Thema aus dem Jazz-Kanon. Dann der Instrumentalunterricht, in verschiedenen Levels angeboten. Nachmittags die Combos, dann die Pause dazwischen und ab geht’s in die allabendliche Session unten im reizvollen Jazzkeller unter netter Betreuung durch Personal aus dem quirligen Umfeld des Jazz-Clubs. Man kann sagen, beim Workshop im Birdland59 und das im spätsommerlichen September stimmt einfach so ziemlich alles. Auch das Abschlusskonzert im großen Saal des Hauses mit schöner Bühne hat echtes Niveau, da professionelle Technik zum Einsatz kommt, das Ganze audio- und videotechnisch mitgeschnitten und für die Teilnehmer zugänglich gemacht wird, bis hin zum begeisterten Publikum, das bei meinem Besuchen (2015/2016, 2017) den Saal voll ausfüllte und viel Beifall gab für das Konzert, dem Schlussakkord, der Danksagung des Vorsitzenden des Birdland59 an die Dozenten und allen Workshop-Teilnehmern. Große Klasse!

Hilden liegt aber ganz woanders, höre ich mich sagen, im Kreis Mettmann und alles in NRW. Denk‘ ich an Mettmann, denk‘ ich ans Neandertal unweit gelegen. Der Abstecher ins namensgleiche Museum lohnt sich. Der in der dunklen Jahreszeit stattfindende Workshop, genannt Crossover-Bandmeeting, ist ein Unikat, ist doch hier der Dozent gleich auch integriertes Combo-Mitglied. Das hat was! Und was genau? Wenn ein Amateur mit einem Profi spielt, gibt es zwei Richtungen, die das nehmen kann. Die eine, er treibt die restliche Band in den Wahnsinn da allen überlegen, die andere, er zementiert durch sein Können und schafft eine stabile Basis für den Fortgang. Letzteres erfuhr ich schon ein zweites Mal. Die beiden Tage gehen rasend schnell vorüber, man macht ausschließlich Musik, keine Theorieeinheiten oder dergleichen und Schwups steht man am Sonntagabend im dienstalten Jazzclub Blue Note Hilden, wenn auch in etwas beengten Verhältnissen, dafür liegt aber über allem die Jazz-Patina der letzten Jahrzehnte. Wieder sind erstklassige Musiker als Dozenten unterwegs und das intensive Musizieren bringt einen näher an den Spirit Jazz, gesteigert durch zwei abendliche Jam-Sessions im hauseigenen Bistro. Da jedoch sind die Raum- und Platzverhältnisse weniger optimal und man wünscht sich die Session ein paar Türen weiter im großen Saal. Alles ist aber unter einem Dach im Institut für öffentliche Verwaltung NRW (Haus Kolksbruch) angesiedelt. Und hier ist, neben ordentlichen Zimmern, besonders die Küche samt eindrucksvollem Speisesaal (50iger-Jahre-Stil) hervorzuheben. Die Kost ist einfach nur Oberklasse, das Ambiente sowieso, dazu eine Parkanlage, die zur Entspannung, gar zur Kontemplation verleitet und dazu keine Parkplatzproblematik! Wieder ein gelungenes Workshop- Angebot aus deutschen Landen mit dem Wunsch diesen um mindestens einen Tag zu verlängern, um der Droge Jazz vollends zu verfallen. (Anm.: Nach meiner Info wurde die Veranstaltungsstätte mittlerweile aufgegeben. Offenbar ist die neue Location die Theodor-Heuss-Schule (VHS) in Hilden. Die Webseite gibt aktuellere Auskünfte).

Ladenburg und das nur vier Tage. Der Jammer ist groß, denn dieses junge Workshop-Angebot ist ein Knaller. Monat und Jahreszeit passen, das Städtchen passt, das Team, allen voran die beiden Organisatoren. Es muss gesagt werden, dass hier eine junge und damit frische und kreative Garde unterwegs ist, die mit viel Engagement und neuen Ideen die deutsche Workshop-Landschaft bereichern hilft. Wo soll ich anfangen? Aufzählen hilft: Es beginnt mit einem vorbildlichen Internetauftritt, denn der gesamte Inhalt der Webseite ist durchstrukturiert, wird immer wieder upgedatet, ist sehr gut nachvollziehbar, modern und absolut ansprechend aufgemacht, geradezu Vorbildcharakter mit opiatem Anmeldungseffekt (Anm.: Aus Autorensicht tut das auch Not, sind doch einige mehrere Internetauftritte verschiedener Veranstalter ziemlich verstaubt). Die professionelle Begrüßung inklusive Grußwort durch die Stadt im zentral gelegenen Domhof wirkt zwar ein bisschen steif, hat aber auch Stil und man fühlt sich (als Jazzer) wertgeschätzt. Die Teilnehmerzahl ist mit rund 60 Personen überschaubar, aber auch am gesunden Limit. Das Team besteht aus professionellen Dozenten und durchweg guten Pädagogen. Die Sessions finden an drei unterschiedlichen Orten statt (Jugendzentrum, Glasgewächshaus im Stadtpark mit einmaligem Flair, Open-Air Hotelterrasse, alternativ im Hotel und neuerdings an der historischen Stadtmauer, wo neben dem Ausschank nur noch Festes zum Verzehr angeboten werden muss, um vollends glücklich zu sein). Schließlich noch kostenfreies Parken an der Stadtmauer mit kurzen Wegen zum Ort des Geschehens. Hervorzuheben ist die direkte Ansprache der Teilnehmer bei den Sessions durch die Dozenten, bis hin zur unterstützenden Mitmachaktion. Das ist einmalig, denn nicht jede und jeder spielfreudige Zweibeiner findet auch schnurstracks zur Bühne, auch wenn es in den Fingern juckt. Überhaupt muss die sehr rege Kommunikations- bereitschaft der Dozenten hervorgehoben werden. Unterschiedliche Levels für Instrumentalisten werden angeboten, auch in Rhythmik und auch in der Theorie, eigentlich kaum zu toppen. Gegen Ende dann noch ein Highlight, wenn im großen Saal mit moderner Präsentationstechnik Jazzkomposition demonstriert wird. Man staune, da anschließende Umsetzung des gemeinsam Erarbeiteten durch eine ad hoc zusammengestellte Band aus den Reihen der Anwesenden erfolgt. Ein echtes Erlebnis! Das Abschlusskonzert an der historischen Stadtmauer am späten Sonntag- nachmittag ist bei gutem Wetter ein Event für Jung und Alt und rundet die kurzweiligen Tage knitterfrei ab. Kaum ist man zuhause angekommen, wird man eingeladen zur Evaluierung des Erlebten per ausführlichem Bogen via Internet. Und die Fragen sind gut gewählt, sodass sich daraus neue Anregungen für die Macher schöpfen lassen. Mittlerweile erhalten die Teilnehmer Wochen vorab ihre Noten, nachdem sie z.B. per Audiodatei ihren Leistungsstand dem Team übermittelt haben und bereits einer Combo zugeteilt worden sind. Für mich vielleicht ein kleiner Schatten auf dem Ganzen, da ich getreu dem Wort Workshop die Arbeit auch da verortet sehe. Aber darüber lässt sich sicher trefflich streiten und soll diese vorbildliche Veranstaltung nicht schmälern. Insgesamt also ein anspruchsvolles Angebot mit einem sehr engagierten Organisatoren-Team. Ein Workshop, der durchaus eine Verlängerung über seine vier Tage hinaus vertragen könnte und dem man ob seiner jungen Jahre noch viele schöne davon wünscht. Good Luck! Attention: Die Region ist nicht ganz preiswert, was sich bei der Verköstigung als auch der Unterkunft bemerkbar macht.

Neuwied am Rhein. Ein Frischling unter den Veranstaltern. Die dort ansässige Landesmusik- akademie Rheinland-Pfalz wagt sich mit derartigem Angebot seit neuerer Zeit weiter in die Ausbildungslandschaft Musizierfreudiger vor. Man glaubt es nicht, wenn man die Wirkstätte erreicht hat. Unmittelbar neben dem Schloss Engers, ein wunderschöner Spätbarockbau aus dem 18. Jahrhundert, liegt das sogenannte Meisterhaus, der Hauptsitz besagter Akademie. Mit sehr guten Räumlichkeiten ausgestattet, finden hier die Kurse statt. Die Unterbringung erfolgt im sogenannten Musikerhof, ein schöner Neubau gleich gegenüber mit freundlichen, gut ausgestatteten Zimmern, teilweise mit Blick auf Deutschlands längstes Fließgewässer. Übrigens werden die Mahlzeiten im unmittelbar angrenzendem Gewölbekeller des Schlosses eingenommen. Das hat was! Der Romantik dieser Ecke kann man sich gar nicht entziehen, auch nicht, weil in Wurfweite Vater Rhein sein
Flussbett pflegt, an dessen Promenade man in den Pausen schön entspannen kann. Der Kurs in 2016 stand unter dem Motto „Hammond B3“, folglich waren von den (nur) acht Teilnehmern einige selbst mit diesem Instrument unterwegs. Es fanden sich aber auch Bläser und Saiteninstrumente, sodass mit ihnen zusammen und den Dozenten (3) in unter- schiedlichen Besetzungen verschiedene Jazzstandards eingeprobt werden konnten, die dann beim Abschlusskonzert im schönen Saal des Dachgeschosses vor (über-)vollen Rängen zur Aufführung kamen. Einen Workshop unter ein bestimmtes Motto oder Thema zu stellen ist sicherlich eine interessante Variante, wenn es auch die Teilnehmer-Spezies eher vordefiniert und möglicherweise auch reduziert, was aber nicht zwingend so sein muss wie Neuwied gezeigt hat. Das Konzept, einen Schwerpunkt vorzugeben, gepaart mit dem „Crossover-Gedanken“, sprich, die Dozenten spielen in den Besetzungen mit, geht auf. Nur wünscht man sich den Workshop ein, zwei Tage länger, um alles und nicht nur das Musizieren noch viel intensiver aufzusaugen. Dem Veranstalter wünscht man jedenfalls für den bewiesenen Mut weiterhin viel Erfolg, der sich sicherlich schon bald einstellen wird, weiß man doch, dass die Akademie auch in diesem Jahr (2018) einen Jazz-Workshop ins Programm aufgenommen hat. Only the brave find their way!

Weimar – Wiege der Republik. Eigentlich ein Ausreißer unter den beschriebenen Workshops, weil es ein sogenannter Research Workshop war, den ich dort (2016) besuchte. Das trafen sich über gut zwei Tage hinweg internationale Musikwissenschaftler, um die Perspektiven rechnergestützter Jazz-Studien zu diskutieren. Mein Besuch dort war also eigentlich fehlgeleitet, hatte ich doch mein Gerät dabei und saß dann zwei Tage in theoretischen Seminaren und das alles English Spoken. Und doch wurde es eine hochinteressante Erfahrung, denn man beschäftigte sich im Schwerpunkt mit Jazz- Improvisationen und deren Analyse mittels rechnergestützten Techniken. Die Titel verraten es. Da wurde über „The Computer and Changing Ways of Jazz Analysis“ genauso diskutiert wie etwa über “Harmonic and Rhythmic Aspects of Michael Brecker’s and Chris Potter’s Improvisation“ bis hin zu allgemeinen “Comparative Studies of Jazz Improvisations”. Alles natürlich von Professoren und Doktoren untersetzt, damit der wissenschaftliche Anspruch gewahrt bleibt und vieles davon über ein Forschungsprojekt im Rahmen einer Datenbank seitens der örtlichen Musikhochschule etabliert. Lustigerweise wurde sogar am zweiten Abend (der erste diente dem Kennenlernen in schöner Kneipenatmosphäre) im Kasseturm der geschichtsträchtigen Stadt gejammt. Nun sind Musikwissenschaftler bekanntermaßen mehr dem Theoriegebäude dieser Kunstgattung verpflichtet und doch hegen und pflegen sie zuweilen die Praxis am Instrument. So kam der Autor dieses Artikels, und mehr dem Tun verpflichtet, dennoch zu einem langen Abend feiner Improvisationen nicht zuletzt, da ein Referent des Workshops neben seiner wissenschaftlichen Profession hochpraktizierender Jazzpianist ist, woraus sich dann im Zusammenspiel kreative Spiralen drehen ließen. Alles in allem eine Bereicherung für den „Proletarier“ in Sachen Jazz und respekteinflößend, wenn man sieht oder besser hautnah erlebt, wie intensiv und professionell sich Theoretiker des Metiers an der Materie verdient machen. Übrigens, die hochinformative Datenbank ist im Internet abrufbar!

Hier endet der Bericht über meine Erfahrungen in der deutschen Jazzworkshop-Landschaft. Dem Autor möge man aufgrund seiner subjektiven Sicht auf die Dinge den einen oder anderen Fehler verzeihen. Er erhebt auch keinerlei Anspruch auf Objektivität, sieht alles als notwendigen Erfahrungsbericht, der Gleichgesinnten eine Orientierungshilfe sein mag. Vielleicht aber auch nicht, da jeder seine eigenen Erfahrungen in diesem Bereich machen muss, die dann vielleicht zu ganz anderen An- und Einsichten führen.

In diesem Teil 1 des Erfahrungsberichts wurden insgesamt zehn Workshops in knapper Form vorgestellt. Der anschließende zweite Teil wird weitere 11 Workshops vorstellen, sodass in der Summe 21 Workshops beschrieben sind (Stand 11/2018). Die in 2019 anvisierten Workshops werden als Fortsetzungen zu einem späteren Zeitpunkt an gleicher Stelle erscheinen.

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