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Jazz Workshops – a never-ending story

Jazz Workshops – a never-ending story

„Nimmt es denn kein Ende!“, so könnte ich auf dem Jazz-Berg stehend weit hinunter ins Tal der Ahnungslosen ausrufen. Und doch steigt man (der Autor) erneut hinunter in die Ebene und sammelt abermals die Ingredienzen des Jazz und formt sie und rollt sie wieder hinauf auf die Höhe und immer und immer wieder. Workshopbesuche haben etwas sisyphusartiges an sich, neige aber vermehrt zu Goethes Sicht der Dinge nachdem „Die beste Bildung ein gescheiter Mensch auf Reisen findet.“ Setzte man vor die „Reisen“ noch die Vokabel „Jazz“, erhielte man ein feines Kompositum und alles wäre perfekt, aber so vorausschauend war denn auch unser Johann Wolfgang nicht. So geht es also weiter durch die Lande, auf den Rücken meinen Messingfreund geschnallt, die Reisetasche randvoll mit devotem Jazz-Zubehör und auf dem Koffer meines Saxophons prangt in schwarzschweren Lettern „Es lebe Monk!“ Knüpfe ich allerdings an den letzten, den zweiten Erfahrungsbericht an (Heft 11/17), muss ich werktreu bleibend Homer’s Odyssee bemühen, denn in der Zwischenzeit sind weitere Stationen samt Prüfungen dazugekommen. Sie lauten: Aidlingen, Berlin, Chodziez, Einschlingen, Neunkirchen-Seelscheid und Siegburg. Los geht’s!

Zuerst also Aidlingen. Wo liegt denn das? Da googelt man und: „Aidlingen liegt im Landkreis Böblingen“, rund 30 km südwestlich von Stuttgart entfernt. Und es ward wieder Herbst, goldener Oktober, zweieinhalb Tage im Saal des Stadtschlosses, eine (Big-)Band, ein Dozent, Martin Schrack, dazu gleich Professor für Jazzklavier, nebenbei nette Betreuung durch Mitglieder des örtlichen Jazzvereins. Da geht Jazzmachen ganz stark mit Wohlfühlen zusammen. Mit hochgradig pädagogischem Geschick und ausgewiesenen Softskills des Dozenten wurden es geradezu intime Tage im Kreise Seelenverwandter, die sich abends gesammelt in der örtlichen Pizzeria am großen Tische wiedertrafen. Keine Theorie, nur Musizieren, Praxis pur. Davon wünscht man sich mehr! Kompliment an die dortige Jazzinitiative für ein solches Angebot, das – nun die traurige Nachricht – seit 2016 zumindest ruht, da innerhalb des Vereins personaltechnische Probleme aufgetreten sind, die vorerst die Fortsetzung dieses schönen Angebots verhindern. Da wünschen wir dem Verein baldige Klärung und viel Fortune, damit das Weitermachen gelingt. Zum Schluss bleibt als kleiner Kritikpunkt das unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefundene Abschlusskonzert am Sonntag-nachmittag, zieht man die wenigen Anverwandten ab, die gerne Beifall klatschten. Hier hätte der Veranstalter das durchaus präsentierbare Ergebnis einer größeren Zuhörerschaft offerieren können. Übrigens besuchte ich diesen Workshop zweimal. Die Location hatte gewechselt, alles fand unter sehr guten Bedingungen in der Aula der örtlichen Sonnenbergschule statt. Eine aktuelle Nachfrage beim Jazz-Forum Aidlingen e.V. bestätigte meine Annahme, dass derzeit keine Jazz-Workshops angeboten werden. Wann ein solcher wieder stattfinden wird, konnte ebenfalls nicht gesagt werden. Schade, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt!

Berlin, mitten in der Höhle des Löwen, dem A-Trane, mit nunmehr 27 Jahren einer der ältesten Kultstätten des Jazz in Deutschland überhaupt, Mekka für so ziemlich alle Größen dieses Genres. Hier findet seit Jahren ein kleiner, feiner Workshop statt, der sich wohltuend von den etablierten großen Brüdern absetzt. Ein Jazz-Workshop, der sich an Musikschüler, Musikstudenten und fortgeschrittene Amateure jeden Alters richtet. Geleitet von zwei erfahrenen Profis, dem Berliner Schlagzeuger Ernst Bier und dem Saxophonisten Mack Goldsbury aus den Staaten, werden an zwei Tagen an die sechs Stücke erarbeitet. Und es sind nicht die bekannten Standards, die aus meiner Beobachtung fast schon zwanghaften Charakter bei Workshops verbreiten und scheuklappenartig ignorieren, was das Great American Songbook alles noch zu bieten hat. Nein, hier bringen die Dozenten unbekannte und/oder eigene Stücke mit, die sich wohltuend dem bekannten Mainstream versagen. Der Workshop wird zweimal im Jahr, sprich, im Sommer und im Winter angeboten. Auch das eine feine Sache, machen doch die beiden Tage schnell süchtig. Man will mehr davon und bekommt es auch, ohne dass man dabei ein Jahr älter geworden ist. Dass der Inhaber des A-Trane die Location zur Verfügung stellt, muss lobend erwähnt werden. Wo gibt es so etwas schon?! Denn natürlich ist es für einen Amateur ein erhabenes Gefühl, wenn er gleich für zwei Tage hintereinander auf solch jazzlastigem Boden stehen darf. Zweimal war der Autor bereits Teilnehmer, wobei die Bandgröße überschaubare 15-20 Teilnehmer nicht überschreitet. Das Bigband-Format, von zwei erfahrenen Dozenten gehändelt, passt prima in den Clubraum und der dabei entstehende Sound verdient volle Anerkennung. Natürlich sind zwei Tage keine Ewigkeit. Da kommt es recht, wenn auf alle Theoriearbeit verzichtet wird und die Stunden ausschließlich dem Praktizieren gewidmet bleiben. Durch den Amerikaner wird zwangsläufig Englisch gesprochen, hingegen sein deutscher Kompagnon über Unverstandenes schnell hinweghilft also kein Problem. Aufgrund der überschaubaren Teilnehmerzahl kommt auch für den Einzelnen das Improvisieren, die Essenz des Jazz, nicht zu kurz. Übrigens ein Manko vieler anderer Workshops, das hier angenehm aufgehoben wird! Die Versorgung in den Pausen ist gesichert, liegt man doch im Herzen der Großstadt und hat eher die Qual der Wahl, um den Magen mit Leckereien zu füllen. Für das Abschlusskonzert wünscht man sich jedoch ein bisschen mehr Publikum, ist doch das Ergebnis des intensiven zweitägigen Spiels passabel und sollte jedem Jazzliebhaber einen feinen Hörgenuss verschaffen. Apropos: Über die Musikschule des Bezirkes Berlin-Charlottenburg als Träger und wohlmöglich subventioniert, reißt die niedrige Teilnehmergebühr von nicht einmal 30 € kein wirklich großes Loch ins Portemonnaie. Hut ab! Und weiter so die nächsten Jahre.

Polen, genauer Chodziez, ein Workshop, der seine Anfänge bereits im letzten Jahrtausend hat und ein Ende ist nicht abzusehen. Es ist ein sogenannter Internationaler Workshop, wobei die Mehrzahl der Teilnehmer aus Polen selbst, dann aus Russland und Tschechien sowie aus Deutschland kommt. Deutschland deswegen, weil es eine beständige Nachfrage aus Berlin gibt und Chodziez unweit entfernt liegt. Zudem existiert seit vielen Jahren eine Städtepartnerschaft zwischen Chodziez und dem Ortsteil Nottuln, eine Gemeinde in NRW, und da wird viel geworben und getauscht. Gute zehn Tage ist man auf dem Gelände des ‘Dom Kultury‘, eine Art Kultur- und Jugendzentrum am Ortsrand des Städtchens gelegen, unter seinesgleichen. Die Dozenten sind überwiegend Polen, aber es reihen sich auch immer wieder deutsche Profis in die Lehrerschaft ein. Parliert wird in Englisch, was bei der internationalen Teilnehmerschaft die gemeinsame Grundlage zur Verständigung darstellt. Mehr als einhundert Jazzverrückte von ganz jung bis alt kommen da schnell zusammen. Auf dem Gelände wird in Zelten gewohnt oder kleinen barackenähnlichen Häusern. Ein schlichtes Hotel um die Ecke und bessere in größerer Entfernung gelegen und eher mit dem Auto erreichbar, bilden die Alternativen. Zwischen meinen beiden Besuchen lagen rund 12 Jahre. Das Dozententeam war mit kleinen Ausnahmen noch immer dasselbe. Der langjährige künstlerische Leiter und Saxophonist Leszek Zadlo hatte allerdings sein Amt zwischenzeitlich aufgegeben.

Aber die überwiegend jugendlichen Teilnehmer schienen nunmehr von einem anderen Planeten abzustammen. Der Alkohol floss in Strömen. Gleich nebenan im besagtem Hotel ging es ähnlich zu wie in dem Film „From Dusk Till Dawn“, ein Drunter und Drüber im allerwahrsten Sinne des Wortes und das wohl tage- und nächtelang. Ich machte diese Erfahrung zwangsläufig, denn von der Jam-Session kommend war ich leicht alkoholisiert und ein Führen meines PKW’S über die dunkle Landstraße rüber zum Resort wäre zu waghalsig gewesen und schied schnell aus. Der Gitarren-Dozent, der in diesem nahegelegenen Hotel wohnte, bot mir für die Nacht ein freies Bett in seinem Zimmer an. Und dann tobten die Gestalten durcheinander, Männlein und Weiblein, verkleidet, halbnackt und ganz nackt, torkelten sie über die Flure, dabei merkwürdige Laute ausstoßend. Sprachfetzen, die ich nicht verstand, fegten durch die rauchgeschwängerte Luft. Brechfreudige Halbstarke markierten mehrfach den Uralt-Teppichläufer unserer Etage, der dadurch an Wert weiterhin verlor. Sodom und Gomorra, ging mir durch den brummenden Schädel, denn, wie sollte ich in dieser Hexenküche Ruhe finden, wenn es so weiterginge? Irgendwann waren auch die Nachtgestalten müde geworden und der Lärm verstummt. Leider alles erst in den frühen Morgenstunden und die Folge? Mein Saxophon-Solo einige Stunden später musste ein Anderer übernehmen. Ansonsten den ganzen Tag Musik, Musik, Musik, wobei die räumlichen Bedingungen bis auf den großen Saal eher als hinlänglich bezeichnet werden können. Das Dozentenkonzert am Eröffnungsabend vor fast vollem Haus wie so oft ein Highlight. Klar, wenn sich soviele gestandene Profis auf einem Haufen versammeln und ihr Können zeigen. Abends dann durchweg gut besuchte Sessions im Haus mit angeschlossener Theke, an der man mit wenigen aneinandergereihten Buchstaben wie etwa „Piwo“ der schweißtreibenden Musikerarbeit etwas Linderung verschaffen kann. Auch hier wieder durchweg engagierte Dozenten, die auch mal bei der regelmäßigen Session mit ins Geschehen eingreifen. Nur die angelieferten Mahlzeiten mittags und abends waren für meinen Magen sehr gewöhnungsbedürftig, neigt der Slawe doch vorzugsweise zum starken Fleisch- und Kohlverzerr, was über diesen verhältnismäßig langen Zeitraum bei mir zunehmend zu merkwürdigem Fluchtverhalten in die örtliche Pizzeria führte. Das Abschlusskonzert im terrassierten Großsaal des Dom Kultury dann unter nahezu professionellen Bedingungen. Große Bühne, guter Sound, zweisprachige Ansagen einer jeden Darbietung, geregelter Ablauf, einfach klasse. Alles in allem ein leicht desolat verlaufender Workshop, der Spaß macht ob der vielen, jungen, engagierten Menschen aus verschiedenen Gegenden des Kontinents. Wenn doch bloß nicht so viel Alkohol flöße…

Einschlingen bei Bielefeld (die Stadt, die es angeblich gar nicht gibt). Bis Vierschlingen ist übrigens alles möglich! Die Namensgebung beruht auf historischen Zollstellen, also erhobenen Wegezöllen in dieser Gegend, um die nötigen Gelder für den Ausbau der Infrastruktur zu generieren. Wenn man Pech hatte, musste man auf seinem eingeschlagenen Wege gleich mehrere dieser Schlingen passieren und wurde dabei eine Stange Geld los, in den oftmals nah angesiedelten Wirtshäusern obendrein. Übrigens, ungeschröpft passierten Mist- und Leichenwagen! Der einwöchige Workshop ist ein in die Jahre gekommener und mit ihm auch seine Dozenten. Es sind aber auch gleichsam Koryphäen des deutschen Jazz wie etwa Uli Beckerhoff, Gunnar Plümer, Matthias Nadolny oder Michael Küttner. Das Haus, eine Bildungsstätte, liegt schön am Saum des Teutberges, heute als Teutoburger Wald bekannt. Es bietet über Mehrbettzimmer, Zweibett-Zimmer und wenigen Einzelzimmern nicht unbedingt allen etwa 60 Teilnehmern eine Unterkunft. Die großzügige Grünfläche hinter dem Haus ist eine günstige Alternative und lädt Workshopper auch zum Campen per Zelt oder Reisevan ein. Wer nicht im Hause oder auf der Wiese residiert, wird im rund fünf Kilometer entfernten Waldhotel Quellental einquartiert. Achtung Transportproblem! Apropos: Ich war mit einem netten Kollegen dort untergebracht und wer Polanski-Filme mag ist hier absolut richtig! Das Haus, ein riesiger Kasten aus untergegangenen Zeiten, beherbergte während meines Aufenthaltes gerade mal fünf Gäste, die sich in dem weitläufigen und verwinkelten Gebäude nicht über den Weg laufen konnten. Und wenn doch, so hätte man sich wahrscheinlich zu Tode erschreckt, weil man eher an einen Geist als an einen Menschen aus Fleisch und Blut geglaubt hätte. Es gab keine Zimmernummer 13 (gespenstisch!) und die Nummer 5 war ständig ohne Schlüssel am Brett und ich vermutete einen dauerhaft Totgesagten in der Kammer. Meine neugierige Nachfrage beim örtlichen Personal bestätigte den Abgang einer 17-jährigen durch Freitod, deren Ursache nie geklärt werden konnte. Das Geschehnis lag bereits ein halbes Jahrhundert zurück und ich vermutete die Tote als Tochter der altehrwürdigen Matrone des Hotels. Möglicherweise war Liebeskummer im Spiel gewesen, oder ein nicht akzeptierter Schwager in spe der Grund für die Lebensaufgabe und nun verzichtete die alte Dame wohlmöglich aus Sühne seit Jahrzehnten auf die Einnahmen durch ausgefallene Buchungen. Nun aber genug des Nervenkitzels. Im Hier und Jetzt fantasierte mein Jazzkumpel und ich über den Um- und Ausbau des Riesenkastens hin zu einem Musikerparadies à la Las Vegas. Zumindest Bar, Pool, Sauna, Proberäume, Sälchen und Säle für die Performances sollten her. Unterbringung vom einfachen Zimmer für den verarmten Jazzer bis hin zur teuren Suite in der Beletage des Zimmermonsters für die Creme des Genres. Frische Luft und Waldrand passten genauso zusammen wie die riesige Freifläche vor dem Gebäude für einfaches Parken und sperrige Mehrtonner der Crews. Beim Verlassen des Hotels saß gelegentlich die Herrin des Hauses im Canapé des Entrées mit hochgestecktem Haar und starker Schminke und bildete eine altersmäßig ausgewogene Einheit zwischen sich und dem betagten Gemäuer. Gruselig war’s dennoch und schnell passierten mein Kumpel und ich den Eingangsbereich, vorbei am langgezogenen Dresen und hechteten rüber zum Fahrzeug und weiter zum Workshop. Bei der Comboeinteilung meldet man sich in der Sonne sitzend per Fingerzeig für die eine oder andere und los geht’s. Der Level insgesamt ist ausgewogene Mitte und die Stücke nicht allzu schwer für einen soliden Amateur. Sessions finden in den Räumen des Hauses statt und – Achtung – die Wiederholungstäter sind immer die Ersten am Pult. Ein bisschen Ellenbogen hilft hier weiter. Wer im Haus schläft kann schon mal was von der Lautstärke abkriegen und ist beim morgendlichen Frühstück (sehr üppig!) gar nicht oder eher verstimmt anzutreffen. Zwischendurch dann frei wählbare Theorieeinheiten, die sich der Jazzrhythmik genauso widmen wie der Harmonielehre. Im fußläufig entfernten Gartenlokal spielt an einem Abend auch die Dozentenband im angegliederten kleinen, feinen Saal vor ausverkauftem Haus. Die gute Verpflegung über den Tag und gelegentliche Spaziergänge in die schöne Umgebung machen den Workshop liebenswert, bis dann am letzten Tag das obligatorische Abschlusskonzert der Teilnehmer das Ende einläutet.

Neunkirchen-Seelscheid, langer Name, kleiner Ort im Bergischen Land von NRW. Hat übrigens nix mit den Bergen zu tun, sondern rührt her vom Adelsgeschlecht von Berg, einstige Grafen und Herzöge dieser Region. Ein junger Workshop, der von einer hochmotivierten und sehr engagierten Organisatorin aus der Taufe gehoben wurde und sich zusehends fest etabliert, schaut man auf die stetig wachsende Zahl an Teilnehmern. Die Dozentenschar ist wie so oft erste Garnitur, sei es ein Frank Haunschild, ein Thomas Rückert, John Goldsby oder Hugo Read samt den anderen Potentaten. Eröffnet wird mit dem Dozentenkonzert in der alten Aula gleich neben dem moderneren Hauptgebäude. Ein motivierender Einstieg in die nächsten drei Tage. Die erste Instrumentalklasse dient nach kleinem Vorspiel der Einteilung in die Combos. Sehr angenehm, dass die Combogröße dabei auf sieben Leute beschränkt bleibt, bei sieben Dozenten sind demnach rund 50 Teilnehmer am Start. Gleichsam angenehm somit auch der Instrumentalunterricht in überschaubarer Größe, sodass man vermehrt zum Spielen kommt. Die Dozenten sind oftmals auch als Musiklehrer und Dozenten an Hochschulen unterwegs, sodass auch pädagogisch die Vermittlung untersetzt ist. Kommt man in eine der fortgeschrittenen Bands, spielt man wie mir geschehen etwa eine schöne Jazz-Suite zum Wohlgefallen der Zuhörer. Im Angebot auch kleine 2-stündige Demo-Einheiten etwa für Rhythmiker, bei denen unter Anleitung des/der Dozenten der Eleve spielt und anschließend analysiert und korrigiert wird. Das alles im Plenum, sodass auch die Anderen etwas davon haben. Die abendlichen Sessions finden „unter Aufsicht“ eines Dozenten statt. Eine feine Sache, da sich erfahrungsgemäß immer wieder Regelungsbedarf ergibt. Wer einen Ausgleich benötigt, kann in der Mittagspause unter professioneller Anleitung Entspannungs-übungen vollziehen. Die Vollverpflegung ist in solchen Häusern in aller Regel nicht zu bemängeln, sogar Mineralwasser wird gratis gestellt. Die Unterkunft muss man sich allerdings selber besorgen. Ich war im fußläufig entfernten Hotel Caleo untergebracht, nicht wirklich günstig, aber um die Ecke. Alternativ und preiswerter geht’s auch, wenn man bisschen schaut. Es gab sogar Teilnehmer, die sich günstig über Airbnb eingemietet hatten. Alles in allem ein eher junger Workshop mit toller Organisation, guten Dozenten und einer prima Versorgung.

Siegburg, ein Flüsschen, eine Burg und mittelalterliche Pfalzgrafen, die sogenannten Ezzonen. Sie waren die ersten Burgherren auf dem Michaelsberg. Nach unterschiedlichen Nutzungen über die Jahrhunderte hinweg sind heute dort die „Unbeschuhten Karmeliten“ zuhause, eine Ordens-gemeinschaft mit spirituellem und seelsorgerischem Angebot. Die Töpferstadt an der Sieg beherbergt seit 2017 auch das Katholisch-Soziale-Institut, kurz KSI, des Erzbistum Köln mit seinem jungfräulichen Sitz in der einstigen Benediktiner-Abtei hoch oben auf dem erloschenen Vulkan. Es ist ein Ort, der neben erzbistümlichen Aufgaben auch Programmschwerpunkte aus Ethik, Kunst und Kultur offeriert. Die Abtei, besser das KSI mit seinem modernen Erweiterungsbau und ebensolchen Gästezimmern, die kaum Wünsche offen lassen, war im April 2019 erstmalig Veranstalter der Reihe „Musik-Akademie Jazz“. Als künstlerischer Leiter konnte kein geringerer als der renommierte Jazz-Pianist Martin Sasse (Köln) gewonnen werden. Das Dozententeam im Schlepptau dann ebenbürtige Musiker, die die einzelnen Instrumentalsparten abdeckten. Volle fünf Tage wurde sozusagen unter christlicher Obhut und mit erzbischöflichem Segen Praxis und Theorie des Jazz vermittelt. Dabei entstanden sieben Combos entsprechend der Anzahl an Dozenten, die allesamt in schönen Räumen dem Jazzspiel tiefer auf den Grund gingen. Und Raumnot besteht in diesem schönen, sanierten Altbau und fast schon schick zu nennenden Neubau keineswegs, was der Sache sehr dienlich ist. Bei der Begrüßungsrede von Martin Sasse blieb im Ohr, dass der erstmalig kreierte Workshop auch jene Fehler vermeiden wolle, die erfahrungsgemäß anderen Workshops unterlaufen. Da war ich als erfahrener Workshopper sehr gespannt wie das gelingen sollte und musste im Laufe der Veranstaltung schon bald feststellen, dass dieser hohe Anspruch nicht gehalten werden konnte. Zum einen lag dies an der geringen Vorbereitung zumindest meines Dozenten, bei dem es im Vorfeld hieß, man spiele Arrangements. In Wirklichkeit wurden aber nur Leadsheets verteilt, dazu in schlechter Ausfertigung bezüglich ihrer Lesbarkeit. Obendrein gleich zwei Pianisten in eine Combo zu nehmen ist aus meiner Sicht überbesetzt, wenn nicht gerade beabsichtigt. Somit frustrierend für den Geparkten, noch leidiger, wenn dieser den vollen Preis für die halbe Sache bezahlen soll. Zu dritt bildeten wir die Bläsersektion und waren gleichsam die Alten in der Riege. Der Rest der Combo hätte unser Nachwuchs sein können. Offenbar hegte wohl auch unser Dozent vaterähnliche Gefühle und widmete sich verstärkt der braven Jugend. Wir hingegen schauten etwas ratlos drein und fühlten uns vernachlässigt. Übrigens: Man vermeide auch allzu pikante Bemerkungen seitens des Schülers gegenüber dem Dozenten. Ist der dünnhäutig und/oder versteht er deinen Humor nicht ganz, produziert seinen eigenen aber auf merkantile Art und Weise, kann man schon mal verlieren und plötzlich steht man am Spielfeldrand und der Zutritt zum Solo wird einem erstmal verwehrt. Die Instrumentalklasse Saxophon – von einem Dozenten geleitet – war mit rund zwanzig Bläsern mehr als randvoll. Trotz guter Vorbereitung und eifrigem Engagement seitens des Lehrers war es sichtbar nicht möglich die vorhandenen, zwangsläufig unterschiedlichen Niveaus gleichermaßen zu bedienen. Ergebnis dann: Der Beginner strengt sich mühevoll an um mitzuhalten, den Fortgeschrittenen gefällt das wohlmögliche Schneckentempo gar nicht besonders. Bei diesem Andrang, der ja bereits bei der Anmeldung ersichtlich wird, gehören zwei Dozenten her und die Teilnehmer nach Levels zugeordnet. Damit beugt man Frustrationen auf beiden Seiten des Könnens vor. Die Theorieeinheiten von Sasse und Kollegen im großen Saal angeboten und zu Beginn noch von der Masse besucht, waren pädagogisch eher unstrukturiert, wenngleich durchaus interessant, bedienten aber letztlich eher die kompetentenTeilnehmer, der Rest musste abreißen lassen. Eine Alternative für Beginners und fortgeschrittene Level wäre hier angebracht und sollte ins Auge gefasst werden. Die Session – drei Räume im Neubau standen dafür offen – waren selbst zu organisieren, was nach Beobachtung eher desolate Züge annahm, sprich, halbe bis kaum funktionierende Besetzungen kamen zustande, was den Hörgenuss schmälerte. Schade, denn nicht nur die Anwesenheit der Dozenten bei der Session macht Sinn, sondern auch das gelegentliche Mitspielen wirkt unterstützend bis hin zum Feedback, das dem Eleven förderlich ist. Allerdings sollte das Lehrpersonal nicht zu tief ins Glas schauen und diesen gerade beschrieben Ansatz für die eigene Show nutzen und damit den Schüler unwillkürlich an den Bühnenrand drängen wie leider zu beobachten war. Das Dozentenkonzert am 2. Tag im schönen großen Saal des Neubaus ein Highlight dann. Kaum anders vorstellbar, kommen doch hochspielerfahrene Vollblut-Jazzer zum Einsatz. Genuss garantiert! Das Abschlusskonzert der Teilnehmer im vollbesetzten Saal am Vorabend des Abreisetags dann ellenlang und zunehmend sauerstoffarm und doch von Begeisterung getragen. Auch hier sollte zwecks Schonung des Publikums und auch der Musiker besser gestrafft werden. Die Unterbringung und Verpflegung eher im Sternebereich und kaum zu bemängeln doch halt: Warum zahlt man Vollpension, muss aber beim Abendbrot den Tee, den man sich morgens literweise hätten gönnen können, plötzlich bezahlen? Das macht keinen Sinn und ist mehr als ein Schönheitsfehler. Aber genug der Lamentos! Wenn diese zu vermeidenden Fehler dann wirklich einmal ausgeräumt und der eingangs formulierte (hohe) Anspruch erfüllt sein sollte, kann der Jazz-Kurs auf dem Michaelsberg in Siegburg die Workshop-Landschaft durchaus bereichern. Carpe diem! Apropos: Eine hauseigene Tiefgarage, allerdings kostenpflichtig, lässt das eigene Fahrzeug geschützt die Tage verbringen. Der Besuch der leckeren Eisdiele am Fuß des Berges in der entsprechenden Zone stärkt bei gutem Wetter nicht nur die Wadenmuskulatur, sondern hebt auch insgesamt die Stimmung, die für gutes Jazzen Garant sein kann.

Hier endet der dritte Bericht über meine Erfahrungen in der (deutschen) Jazzworkshop-Landschaft. Dem Autor möge man aufgrund seiner subjektiven Sicht auf die Dinge den einen oder anderen Fehler verzeihen. Er erhebt auch keinerlei Anspruch auf Objektivität, sieht alles als Erfahrungs-bericht, der Gleichgesinnten eine Orientierungshilfe sein kann. Vielleicht aber auch nicht, da jeder seine eigenen Erfahrungen in diesem Bereich machen muss, die dann vielleicht zu ganz anderen An- und Einsichten führen.

Post Scriptum: Im November findet ein eintägiger Workshop im wunderschönen Saxophon-Geschäft von Reiner Maria Diehl in Neukirchen-Vlyn bei Krefeld statt. Thema wird sein: Innere Spielhaltung mit dem Aufruf: Gestaltet Musik intuitiv und spielt nach euren Regeln! Gerne hätte ich noch in dieser Ausgabe darüber berichtet, zumal allein der Laden für Saxophonisten ein unbedingtes Muss ist. Wer ihn einmal besucht hat, geht entweder mit einem Saxophon wieder hinaus oder kommt solange wieder bis er eins hat. Auswahl, Service, Betreuung einfach alles 1A. Unbedingt hingehen!

Friedrich Wodarczack

Nützliche Web-Adressen
Aidlingen https://www.jazz-fun.de/jazz-forum-aidlingen.html
Berlin http://www.livingschool.de/index.php/ernst-bier.html
Chodziez http://www.chodziez.de/workshop.htm
Einschlingen https://www.einschlingen.de
Krefeld https://www.saxophonic.de
Neunkirchen-S. https://bergischer-jazz-workshop.de
Siegburg https://tagen.erzbistum-koeln.de/ksi/veranstaltungsprogramm/

Saxophonic

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